Normens Weltreise 54 – Alles kann, nichts muss!
Mail vom 05. Dezember 2005
Sinnlos. Schon einmal versucht, eine Stadt zusammenzufassen? Nein? Ich auch nicht. Dennoch werde ich es versuchen, trotz massiver Zweifel, dass es mir auch nur ansatzweise gelingen wird, daraus eine auch nur halbwegs interessante Geschichte zu machen. Dem kritiklosen Leser wird’s egal sein, solange ein paar Fotos zum gucken dabei sind, richtig?
Ueberfluessig. Wir befinden uns in Sued Afrika und wollen etwas ueber die Stadt Johannesburg lernen – behaupte ich einfach mal so, da mir kein passender Uebergang zu den Fakten einfaellt, an die ich mich noch erinnern kann. Mir ist bewusst, dass dieses Kapitel auf unglaubliches Interesse stossen wird, schliesslich will man gerade jetzt zur Adventszeit mehr ueber diese Stadt erfahren.

Hintergrund. Johannesburg ist eine Stadt, um die ich urspruenglich einen grossen Bogen machen wollte – aus Sicherheitsgruenden. Nicht ohne Grund zaehlt diese Stadt zu den gefaehrlichsten der Welt. Aber noch skrupellosere Kriminelle in anderen Laendern (Sao Paulo, Brasilien) haben „Jo-Burg“, wie der Suedafrikaner die Stadt nennt, in den letzten Jahren auf einen „sicheren“ dritten Platz der weltweiten Statistik verdraengt. Seltsamerweise habe ich dort am Ende die meiste Zeit verbracht. Und das aus verschiedenen guten Gruenden.


Geschichte. Jo-Burg hat man sich vor rund 140 Jahren ausgedacht, als dort ein paar ausgesprochen glueckliche Leute klumpenweise Gold fanden. Das fand damals ein ganzer Sack voller Menschen derart interessant, dass sie alle ihre Kumpels anriefen, die dort dann auch eine Huette bauten, um Abends in aller Ruhe ihr Edelmetall zu wiegen. So wurde aus den paar hundert ein paar tausend und die Stadt, dessen Namensgeber hoechstwarhscheinlich Johannes hiess, wurde zur groessten des Landes.
Fakten. 1,8 Millionen Einwohner sind es heute offiziell, aber inklusive saemtlicher „Squatter-camps“ in den Vororten, in denen die schwarze Bevoelkerungsmehrheit in winzigen Blechhuetten wohnt, duerften es wohl deutlich mehr sein.
Subjektiv. Johannesburg ist eine sehr schoene Stadt, vor allem, wenn man in der richtigen Gegend wohnt. Und ich kann behaupten, in der richtigen Gegend gewohnt zu haben (Fourways, Randburg, Sandton), was den Aufenthalt nicht nur zum besonderen Erlebnis werden liess, nein, es war sogar sicher!

Erster Eindruck. Faehrt man durch die Auslaeufer der Stadt, faellt schon nach kurzer Zeit auf, das sich das Leben hier hinter Mauern abspielt. Hohe Mauern, Stacheldraht, elektrische Zaeune und das ganze meist in Kombination mit klaeffenden grossen Hunden. Man kann in einem noblen Vorort eigentlich nicht in Ruhe spazieren gehen, ohne von aggressiv bellenden Hunden hinter den Toren der Einfahrten akkustisch zerfleischt zu werden.
Ueberall stehen private Security-Fahrzeuge herum, deren Anwesenheit potenzielle Kriminelle abschrecken sollen. Das Sicherheitspersonal in den Seitenstrassen notiert sich Autokennzeichen und cruist in sheriffmanier auf und ab, um quasi nach dem Rechten zu sehen.
Disneyland. Aber es geht auch anders. Und zwar dann, wenn man in einem der sogenannten Wohnkomplexen lebt. Dann sind ein paar Quadratkilometer wie eine Laendergrenze eingezaeunt, private bewaffnete Bundesgrenzschutz-Einheiten patroullieren Tag und Nacht den hohen elektrischen Zaun, um den Anwohnern die haesslichen Mauern vor ihrem Garten zu ersparen. Endlich kann man die Haeuser mal sehen, die sich sonst hinter den besagten Mauern verbergen. Wie eine Disneylandkopie geht es dort zu, alles ist perfekt, kein Unkraut ist auf den Verkehrsinseln zu sehen, alles ist neu, sauber, unrealistisch. Aber es ist gar nicht so leicht, sich Zugang zu diesen Komplexen zu verschaffen. Selbst wenn man jemanden dort kennt, den man besuchen moechte.
Einreise. Der Vorgang sieht folgendermassen aus: Erst muss man die zu besuchende Person telefonisch informieren. Diese muss einem dann einen Zahlencode per SMS zusenden, den der Besucher am Eingang des Komplexes im Display vorweisen muss. Das ist aber nicht alles. Der Besucher muss ein Dokument unterschreiben, dass seine Handynummer (wird sofort kontrolliert), seinen Namen, den Namen des Bewohners, dessen Telefonnummer und dessen Code beinhaltet. Daraufhin wird der zu besuchende vom Wachdienst angerufen und darueber informiert, dass ein gewisser (Name des Besuchers) um Einlass bittet. Stimmt dieser zu, darf man reinfahren! Das bedeutet in meinem Fall: Ohne Handy kann man bestimmte Freunde nicht besuchen!
Zweiter Eindruck. Den Leuten scheint das alles nicht viel auszumachen, von grosser Angst ist nichts zu spueren, bestimmte Verhaltensregeln zur Sicherheit normal und beim Shopping in einer der zahlreichen Einkaufszentren unterscheidet sich der Johannesburger ueberhaupt nicht mehr vom Europaeer an sich.
Uebertreiben. Wo wir schon vom Shopping sprechen: Mir faellt es nicht schwer zu behaupten, dass es sich bei Johannesburg im Grunde genommen um ein einziges riesiges Shopping-Center handelt, zwischen denen vereinzelt ein paar Menschen wohnen. Die Konzentration dieser Einkaufszentren, die von innen alle blitzeblank sauber und ultramodern sind, scheint in meinen Augen einzigartig zu sein.
Kontraste. Aeusserst stark ist in Johannesburg der Kontrast zwischen arm und reich. Gleich neben den Wohnkomplexen gibt es Squatter-Camps, in denen viele Schwarze in extrem kleinen Blechhuetten wohnen. Und waehrend der Rushhour am Abend, stehen neben den Nobelkarossen der (meist) Weissen 50 Meter lange Schlangen an den Haltestellen der Mini-Busse, die fuer wenig Geld die Schwarzen zurueck in ihre Blechhuette bringen. Weniger kontrastreich sehen dagegen die Haende von John aus Simbabwe und Rick nach dem Schrauben am Ferrari aus.
Flair. Obwohl eigentlich alles gegen ein gewisses Flair dieser Stadt spricht, hat es reichlich davon. Und das scheint in erster Linie an den Leuten zu liegen. Die Menschen sind irgendwie offener, freundlicher als in den anderen Staedten. Irgendwo ist immer was los, es gibt viel Kultur zu sehen, alles sieht irgendwie modern und freundlich aus und das Wetter ist auch immer schoen. Bars und Restaurants sind trotz Top-Niveau bezahlbar und der Jo-Burger an sich macht eigentlich staendig Braai-Partys an seinem Pool, zu denen er stets reichlich Freunde einlaedt. Vermutlich ein wesentlicher Grund, weshalb ich dort so viele Leute kennen gelernt habe.
City. Natuerlich schaut man sich als Reisender in der jeweiligen Stadt, in der man sich befindet, auch die City an. Hier jedoch hat man mich gewarnt. „Fahr da nicht alleine hin! Dort wird Dein Motorrad sofort geklaut! Du darfst auf keinen Fall in der Fussgaengerzone herumlaufen!“ Wie sich einstimmig herausstellt, gibt es keinen Grund mehr fuer den Jo-Burger, die Innenstadt zu besuchen. Alles, was man zum Leben braucht, gibt es auch ausserhalb. Die Innenstadt wird grosszuegig gemieden, da es als Zentrum der Gefahr betrachtet wird. Also bitte ich meinen Freund Chris mit mir im Auto dorthin zu fahren. Der jedoch zoegert und sagt: Lass uns naechste Woche dorthin fahren, dann bekomme ich mein schusssicheres Auto ausgeliefert! Eine Woche spaeter cruisen wir die Strassen auf und ab und in der Tat sieht man dort keine Weissen herumlaufen. Viele grosse Gebaeude stehen leer, viele sind vorm Verfall bedroht.
Obwohl die Nebenstrassen nicht fieser als in Maputo oder Mombasa aussehen, warnt man mich, dass es hier am gefaehrlichsten ist. Bin mal gespannt, was sich hier in Zukunft aendern wird, wenn im Jahr 2008 die Olympischen Spiele kommen…


Sicherheit. Die ist in der Tat ein Problem fuer die Anwohner, weshalb es einige Dinge gibt, die man abweichend vom Leben in Deutschland einfach nicht macht. So geht man zum Beispiel im Dunkeln nicht spazieren, vermeidet Besuche des Zentrums, das Auto ist beim Fahren immer verschlossen und den Anweisungen des bewaffneten Ueberfall-Personals ist ohne Diskussion folge zu leisten, da sofort geschossen, aber nicht verhandelt wird. Da passt es natuerlich perfekt ins Bild, dass ich nach einem Bar-Besuch von „Jimmy“ zum Besuch seiner Waffenfabrik der Marke „X-Cal“ eingeladen werde.
Ecken. Christopher zeigt mir innerhalb von zwei Wochen fast alle „Ecken“ von Johannesburg. Es ist erstaunlich, wie abwechslungsreich und gepflegt es in dieser grossen Stadt zugeht. Alleine haette ich die meisten dieser Plaetze nicht entdeckt und bin daher fuer seine „Tourguide“ Einsaetze sehr dankbar. Erstaunt war ich auch, als ich das erste Mal „Monte Casino“ betrat. Monatelang bin ich dort – obwohl ich fast daneben gewohnt habe – nicht reingegangen, da ich es fuer ein reines Casino hielt. Aber dann erzaehlte mir Chris von der „italienischen Stadt“.


Toskana. Kaum zu glauben, aber Monte Casino ist wie ein kleines Dorf in der Toskana. Echte Gebaeude und echte Restaurants, Kinos, Buchhandlungen – nur der blaue Himmel ist gemalt! Und der sieht verdammt echt aus. Zwischen den engen Gassen, die mit Bars und kleinen Geschaeften gefuellt sind, haengen Waescheleinen mit Klamotten zum Trocken – und die werden aus realistischen Gruenden regelmaessig gewechselt! Kleine alte Fiats mit Kennzeichen aus Sienna parken hier und da, Baeume, Tiere, Fassaden: alles wirkt echt und das ganze wurde von einem Heer italienischer Handwerker gebaut. Und gleich nebenan wohnen Menschen, die noch nie von der Toskana gehoert haben und sich auch nicht vorstellen koennen, dass es solche Doerfer in echt gibt, da sie gerade mehr mit dem Ueberleben beschaeftigt sind, wobei wir wieder beim Thema Kontraste sind.


Unvermutet. Aus den geplanten paar Wochen in Johannesburg sind insgesamt viele Monate geworden, in denen ich statt auf Gefahr ausschliesslich auf freundliche, nette Menschen traf. Rick und Margie haben mir gleich nach der Ankunft klar gemacht, dass Johannesburg meine Basis in Suedafrika ist und ihr Haus mein Zuhause ist! Der beste Beweis, dass Statistiken einen falschen Eindruck erwecken koennen. Man sollte sich also nicht immer von dem Gerede der Leute, „oder was man so liest“, vollkommen beeindrucken lassen.
Verrueckt. Es gibt ein Geruecht, dass besagt, dass die freundlichsten Menschen des Landes aus Johannesburg kommen. Man wohnt natuerlich in Kapstadt, aber gearbeitet wird in Jo-Burg. Obwohl Kapstadt in der Tat wesentlich schoener aussieht, koennte ich mir ein Leben in Johannesburg durchaus vorstellen. Trotz der Gefahr der hohen Kriminalitaet. Vielleicht ist es auch der europaeische Einfluss, der mich hier – im Gegensatz zu den anderen Staedten des Kontinents – an Zuhause erinnert und mir deshalb nicht alles fremd vorkommt. Sieht man mal vom „Car-Jacking“ ab, bei dem einen tagsueber an der Ampel wartend das Auto unter vorgehaltener Waffe geklaut wird! Vom „Moped-Jacking“ dagegen hab ich noch nichts gehoert, na dann bin ich ja auf der sicheren Seite.
„JHB“, eine Stadt in der alles passieren kann, aber nicht muss!
Normen
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