Normens Weltreise 91 – Das Übliche

Normens Weltreise 91 – Das Übliche
Mail vom 15. Februar 2010

icon.jpgDas Neue, das Unbekannte, das Aha-Erlebnis einer einzigartigen Erfahrung – genau das ist es, was eine Reise ausmacht. Theoretisch, denn praktisch kann auch etwas vertrautes recht angenehm sein. In meinem Fall ein weiteres Rennen mit Pato und seinem Don-Roque-Team, das Übliche halt.

Überraschungen sind schön. Noch vor wenigen Minuten wusste ich noch nicht einmal, ob ich ueberhaupt jemanden in Arrecifes antreffen würde, den ich kenne.

Norm_Mail_91_Uebliches-1grUnd jetzt sitze ich in einem riesigen LKW mit einem Rennwagen samt Werkstatt und freue mich einfach darüber, unter Menschen zu sein, die mich bereits kennen. Nach ein paar Stunden Plauderei mit dem Team, das schon fünf Tage vor dem eigentlichen Rennen mit den Vorbereitungen beginnt, ertappe ich mich mit dem Gedanken, warum ich in letzter Zeit immer mehr dazu neige, mich in vertrautes Umfeld zu begeben. Während ich ursprünglich immer drauf und dran war, weiterzufahren, für mich unbekanntes Gebiet kennen zu lernen und nur ein paar Wochen an einem Ort zu bleiben, ziehe ich es derzeit vor, mich mit den Leuten zu treffen, die ich bereits kenne. Gerne auch ein paar Monate.

Bin ich reisemüde? Vielleicht. Scheint eine Phase zu sein, die mal kommt und wieder geht. Vor einigen Jahren hatte ich ein solches Gefühl in Südafrika schon einmal. Und mit dem Flug nach Argentinien änderte sich dieser Zustand innerhalb kürzester Zeit, als plötzlich und unausweichlich ein neues Land, eine neue Sprache, ja, ein ganz neuer Kontinent vor mir lag. Alles war neu, ich kannte niemanden und musste mich irgendwie verständigen. Nun aber bin ich schon das vierte Mal nach Argentinien eingereist, spreche inzwischen ein wenig Spanisch und so langsam fühle ich mich hier sicher und heimisch. Daran muss es liegen, denn Heimweh ist es garantiert nicht.

Norm_Mail_91_Uebliches-2grNach unsere Ankunft in San Luis, bauen wir das Motorhome auf und schieben Patos Torino-Rennwagen in die Boxengasse. Ein paar Tonnen Werkzeug, Reifen und Ersatzteile kommen noch hinzu, Deko, Fernseher und Monitore werden verkabelt und aufgehängt, fertig ist die Box für das Wochenende. Natürlich gehen wir gemeinsam aus, essen die üblichen herrlichen Fleischgerichte und haben Spaß wie immer, da meine erzählten Geschichten in grausamer spanischer Verpackung wahrscheinlich lustiger klingen, als sie es jemals waren. Das Übliche halt. Aber schön zu wissen, dass ich auch auf Spanisch für Unterhaltung sorgen kann.

Im Laufe des nächsten Tages tauchen immer mehr Leute aus dem Team auf, die mir vertraut sind. Die gesamte Belegschaft aus Firmat, sprich Mariana Vassalli, die Sponsorin und Copilotin und ihre Gefolgschaft. Als am Abend dann auch noch Pato Di Palma auftaucht, ist das Team vollständig. Alle freuen sich, mich nach vielen Monaten wieder zu sehen. Mir geht es ähnlich, aber auch jetzt bemerke ich, dass es mir weniger um das Rennen und das Drumherum geht, als um die Tatsache, mit einem Haufen relativ neuer Freunde eine schöne Zeit zu verbringen.

Norm_Mail_91_Uebliches-3grUnd genau das ist hier so einfach: Ich muss mich um nichts kümmern! Auf Reisen ist es umgekehrt, dann beschäftigt man sich automatisch mit folgenden Fragen: Wo übernachte ich? Wo geht’s als nächstes hin? Gibt es dort Benzin? Was werde ich essen? Wie sieht die Wetterlage aus? All das erübrigt sich, wenn man sich so wie ich in die Hände eines Teams begibt, dass professionell um die Meisterschaft fährt. Ich schlafe in einem der beiden Motorhomes, bleibe fünf Tage am Stück in San Luis auf der Rennstrecke, muss mich nicht um das Motorrad kümmern, werde vom Catering des Teams versorgt und das Wetter ist mir völlig egal. Umso schöner, wenn dann auch noch konsequent die Sonne scheint.

Wahnsinn, Pato hat beim ersten Training am Freitag ein paar sensationelle Rundenzeiten in den Asphalt geballert. Auch beim ersten Qualifying am Samstag sieht es lange nach einer Führung aus, doch am Ende steht er „nur“ auf Platz 5. der Startaufstellung. Nicht schlecht bei insgesamt 44 Fahrzeugen am Start. Dennoch ist die Stimmung gut. Pato hat ein gutes Gefühl, freut sich über das perfekte Handling des Torinos. Beim Radio-Interview nimmt mich Pato mit und gibt dem Sender zu verstehen, dass nicht nur er eine Story wert ist, erklärt kurz meine Anwesenheit und lacht sich über meine offenbar lustig klingenden Antworten, auf für mich kaum verständliche spanische Fragen, kaputt.

Norm_Mail_91_Uebliches-4grDas alles hat nur noch indirekt mit Reisen zu tun. Klar, ich befinde mich im entfernten Ausland, erlebe hautnah Argentiniens höchste Motorsport-Kategorie und Dinge, mit denen ich niemals gerechnet hätte. Dennoch könnte man auch Stillstand dazu sagen, denn dies ist das dritte Rennen. Reisestillstand. Grund sich deshalb schlecht zu fühlen? Nein, nur erfüllt man damit nicht gerade die Erwartungen derer, die glauben, eine Weltreise stünde nur mit dauerhaftem Vorwärtsdrang in Verbindung.

Die Spannung steigt. Pato hat beim Warm-Up am Sonntag soeben Bestzeit gefahren. Die beiden Chefmechaniker Dino und Pelado stehen ebenso unter Druck, da sie nun sicherstellen sollen, dass ab jetzt auch alles so bleibt und überprüfen alles doppelt und dreifach. Mein Beitrag zum Gelingen des Wochenendes sind zwei Bayer-04-Aufkleber, die farblich hervorragend mit der Don-Roque-Sponsor-Lackierung harmonieren. Sie sollen Glück bringen, dabei weiß bei uns doch jeder, dass Leverkusener Fußballer – wenn’s drauf ankommt – zum Schicksal des ewigen Zweiten verflucht sind. Aber das sag ich denen nicht.

Norm_Mail_91_Uebliches-5grDas Rennen beginnt. Pato kann beim Start zwei Plätze gut machen und schon innerhalb der ersten Runde überholt er zwei weitere Konkurrenten. Damit liegt er auf zweiter Position und muss sich nur noch den führenden schnappen. Aber genau das klappt auf Anhieb nicht. Ich hätte wohl besser die beiden Bayer-Aufkleber, die ja standesgemäß für einen zweiten Platz garantieren, nicht auf die Motorhaube geklebt. Egal, Pato kämpft ungefähr 25 Runden lang um die Führung, kann auf der Start-Ziel-Geraden jedes Mal aufs neue auf den Chevrolet des Führenden einholen, sich ihm auf bis auf gleicher Höhe nähern, muss aber dann vor der Kurve zurückstecken, da er auf der Außenseite und damit nicht auf der Ideallinie ist.

In der vorletzten Runde dann die Sensation: Pato hat die Kurve vor der langen Geraden so dicht im Windschatten gehangen, dass er diesmal deutlich früher neben seinem Konkurrenten auftaucht. Cool wie Pato ist, winkt er ihm beim Überholen auch noch zu, was den Zuschauern daheim dank der zahlreichen Kameras an Board gefällt und in der Box für einen Jubel sorgt. Die letzte Runde fährt er Kampflinie und verteidigt seinen ersten Platz. Als sein Wagen in den Parc-Fermé kommt, weiß ich warum er gewonnen hat: die Bayer-Aufkleber sind weg, wurden von Fahrtwind und Luftwirbeln abgerissen!

Norm_Mail_91_Uebliches-6grDie Stimmung könnte logischerweise nicht besser sein. Die Crew fällt sich in die Arme, es gibt Champagner für alle, Pato hat während der Siegerehrung Tränen in den Augen, die Fotografen stürzen sich auf unsere Box, die Pressekonferenz ist ein Knaller, die Fans singen und hupen im Takt, überall sind plötzlich Torino-Fahnen zu sehen. Pato freut sich wie ein kleines Kind und sagt mir kurz vor seiner Abreise, dass ich auf alle Fälle noch ein paar von diesen Aufklebern bis zum nächsten Rennen besorgen soll. Die Sticker oder ich hätten ihm Glück gebracht. Und davon hat man bekanntlich nie genug. Stimmt, denn als wir am Abend im Truck mit dem Gewinner-Wagen die Heimreise antreten, streikt der Mercedes LKW. Doch kein Problem, schließlich befinden sich eine komplette Werkstatt sowie sechs Mechaniker unter den Passagieren – in 15 Minuten ist das Problem gefunden und repariert.

Am folgenden Morgen stehe ich wieder auf dem Hof der Di Palmas in Arrecifes, wo meine Yamaha parkt. Wo es als nächstes hingehen soll, fragen mich Dino und Pato. „Keine Ahnung, Ihr wisst, doch, irgendwie ergibt sich schon die Richtung und ein neues Ziel“, antworte ich Ihnen.

„Gut, solange Du noch überlegst, kannst Du ja auch weiterhin im Motorhome wohnen. Zwei Wochen hast Du, dann geht’s zum nächsten Rennen!“ – Das sollte reichen. Ich freue mich schon wieder über diesen Zustand: Schon wieder habe ich eine interessante Bleibe. Habe ein kleines Schlafzimmer, ein eigenes Bad, eine Werkstatt und eine Küche. Warum es mir so gefällt? Das Übliche halt, alles kommt mir sehr vertraut vor…

Normen

4 Kommentare zu “Normens Weltreise 91 – Das Übliche”

  1. Motorrad Andi
    Juni 19th, 2010 14:54
    1

    Sehr geiler Bericht… Man wird das Gefühl nicht los das Ihr riesig viel Spass bei Eurer Reise hattet ^^

  2. Lutz
    August 16th, 2010 10:52
    2

    Hi Normen
    Ich hoffe einfach mal das es Dir, wo auch immer, soweit gut geht.
    Schade das du hier nichts mehr schreibst.
    Finde/fand deinen Blog immer echt kurzweilig.

    Lutz

  3. Michael
    August 20th, 2010 19:15
    3

    Na so langsam werden wir aber ungeduldig. Habe schon hundertmal auf den Link geklickt und nix neues kommt. Normen, bist Du tot?

  4. Klaus
    September 6th, 2010 14:56
    4

    Nee, tod ist er nicht. Hatte auf einer anderen Website gelesen, dass er jetzt verheiratet (!) in Bolivien lebt. Vielleicht hat er ja auch schon Nachwuchs, was eine – wenn auch dünne – Entschuldigung für seine Abstinenz sein könnte. Aber ich bin mit Euch: ein neuer Reisebericht ist überfällig!

    Klaus

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