Mail90 – Basta

Normens Weltreise 90 – Basta
Mail vom 17. Januar 2010

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Alles kann, nichts muss – könnte da die Antwort lauten. Denn konkrete Regeln, was eine Weltreise beinhaltet, was man erleben sollte, wie viel Zeit man jeweils an einem Ort verbringt und wo man gewesen sein muss, fehlen.

Insofern ist jede Reise eine persönliche Sache. Regeln bestimmt jeder selbst, niemand kann einem „falsches“ Reise vorwerfen.

Norm_Mail_90_Basta-1_04grDas ist auch gut so, denn sonst würde sich jeder Reisebericht nur durch andere Fotos unterscheiden. Entscheidend bleibt, dass man sich am Ende des Tages wohl fühlt und sich auf einen weiteren, angenehmen oder gar aufregenden Tag in der Ferne freut. Ist das gegeben, hat man auf seiner Reise alles richtig gemacht.

Mein Motorrad parkt in Marios Garage, als ich in seinen Mercedes einsteige. Mit Klimaanlage auf Vollgas verlassen wir mit seiner Frau Gabriela und den beiden Kindern das vor Hitze fast schmelzende Buenos Aires Richtung Westen. Ziel ist die kleine Ortschaft San Nicolas, rund 200 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, wo sie sich mit Gabrielas-Schwester und deren Familie ein hübsches Gästehaus teilen. Hauptattraktion ist neben dem schönen Garten selbstredend der Pool, der nicht nur angenehm groß, sondern vor allem besonders kühl ist. Ein Tag mit kleinen Snacks, kleinen Mopeds, Erholung, Entspannung, Rasenmähen ist da schnell vorbei.

Norm_Mail_90_Basta-1_01Norm_Mail_90_Basta-1_02Norm_Mail_90_Basta-1_03grDen Abend verbringen wir natürlich bei Gabrielas-Schwester, die nur wenige Kilometer mit ihrer Familie in dem kleinen Ort San Nicolas wohnt. Allein anhand der geografischen Lage lässt sich vorausbestimmen, was es abends zu essen gibt: Asado, sprich: den Mega-Grillabend. Wir sind schließlich in Argentinien, wo es keine Alternativen zum Grillfleisch gibt, wenn mehr als drei Menschen zum Essen zusammenkommen. Das ist logischerweise keine Kritik, sondern lediglich eine Feststellung, denn jeder Fleischfresser wird spätestens dort merken, dass es die Menschen hier zweifellos verstehen, die Steaks und anderen Teile des Rinds so zuzubereiten, wie man es sein Leben lang daheim nie für möglich gehalten hat.

Norm_Mail_90_Basta-2_01grIch frag mich inzwischen übrigens nicht mehr, woran es liegt, dass das Fleisch hier so lecker schmeckt. Es ist einfach besser, Basta! Basta ist nebenbei tatsächlich ein spanisches Wort und bedeutet nichts anderes als bei uns: Schluss jetzt! In meiner Kindheit habe ich es mehrmals gehört, aber nie wirklich verstanden, wo es eigentlich herkam. Was ich auch nie verstanden habe und ebenfalls an diesem Abend ein unterhaltsames Thema ist, sind die Bezeichnungen der argentinischen Fußballmannschaften.

Norm_Mail_90_Basta-2_02Norm_Mail_90_Basta-2_03Norm_Mail_90_Basta-2_04grWie kommt man darauf? Nun, der Fernseher läuft und ab und zu freuen sich die Gastgeber über den aktuellen Spielstand. Ich frage, wer denn gerade gegen wen spielt und bekomme folgende Antwort:

Internacional gegen Estudiantes!

Heißt das konkret übersetzt, da spielt eine internationale Truppe gegen eine Mannschaft von Studenten? Nicht gerade sehr fair. Grosses Gelaechter setzt ein, denn aus dieser Sichtweise haben es die Einheimischen noch nie betrachtet. Aber es wird noch besser, denn im Anschluss werden Nacional gegen Miami spielen! Cool, die argentinische Nationalmannschaft gegen einen Fußballclub aus Miami. Wieder falsch. Beides sind ganz normale Clubs aus dem Inland.

Norm_Mail_90_Basta-4_01grWährend bei uns klassischerweise der Name der Stadt des Vereins im Clubnamen auftaucht, ist das hier offensichtlich nicht der Fall. Die gesamte Runde erklärt mir, dass das europäische Prinzip in einer Stadt wie Buenos Aires ja auch nicht funktionieren könne, da in der hiesigen Bundesliga allein sieben von 20 Mannschaften direkt aus der Hauptstadt stammen und weitere drei aus den Randgebieten. Weil also nicht alle „FC Buenos Aires“ heißen können, haben die und andere einfach das gewählt, was ihnen am besten in den Kram passt, warum auch immer:

Argentinos Juniors = Argentinische Junioren
Arsenal FC       = Gibt’s nicht nur in England
Boca Juniors    = Mund-Junioren
Gimnasia    = Sporthalle
Independiente  = Unabhängig
Old Boys    = Alte Jungen
Racing Club    = Renn-Verein
River Plate    = Fluss-Platte

Norm_Mail_90_Basta-4_02grMan stelle sich in dieser Form einfach mal einen Samstagnachmittag vor dem Radio vor, wenn die Bundesliga-Konferenz übertragen wird: „Beim Spitzenspiel der alten Jungs gegen die Sporthalle steht es noch immer 1:1, während der Renn-Verein bei der Fluss-Platte überraschend mit 2:0 führt. Etwas lustlos wirken die Argentinischen Junioren bei den gegnerischen Mund-Junioren. Soeben fällt das 3:2 bei den Unabhängigen gegen Arsenal!“ – Das wäre nicht nur bescheuert, es klingt auch so.

Norm_Mail_90_Basta-4_03grÄhnlich bekloppt dürfte es allerdings genauso für Ausländer klingen, wenn in Deutschland eine Aspirin-Fabrik (Bayer) gegen ein Bundesland spielt (Bayern). In der zweiten argentinischen Liga wird es nicht besser, dort treffen nämlich unter anderem die Handwerker auf Atlanta, die „Vereinigten Münder“ (Bocas Unidos) auf die „Alles Jungs“ (All Boys), Neu-Chicago auf die Kollegen und die Spanischen Sportlichen (Deportivo Espanol) auf die Anden (Los Andes). Basta!

Norm_Mail_90_Basta-4_04grMein einziger Besuch eines Fußballspiels in Buenos Aires führte mich zusammen mit Esekiel zu seinem Lieblingsclub „Velez“, was mir damals zumindest vertraut vorkam, da ich in gleichnamiger Strasse wohnte. Den seltsamen Namen des Gegners, irgendein „Athletischer Club“, habe ich vergessen, war aber ganz sicher ein weiterer der zehn Vereine aus der Nachbarschaft.

Norm_Mail_90_Basta-3_02grNorm_Mail_90_Basta-3_01Norm_Mail_90_Basta-3_03Norm_Mail_90_Basta-3_04grNorm_Mail_90_Basta-5_01Nach ein paar Tagen in San Nicolas, diversen Ausflügen in die nähere Umgebung, einigen Motorbootfahrten auf dem Rio de la Plata inklusive Wasserski-Action, fahren wir gemeinsam zurück nach Buenos Aires. Mario und Gabriela müssen nach dem langen Wochenende zurück zur Arbeit, die Kinder in die Schule und ich fahr einfach mal ganz krass mit Gepäck beladen auf der Tenere los. So als würde ich eine Reise machen. Mein Ziel ist spontan gewählt: Arrecifes. Pato, der Rennfahrer hat mir damals mal gesagt, ich könne jederzeit vorbeikommen, wenn ich in der Nähe bin. Im Moment bin ich natürlich nicht in der Nähe, aber nach nur drei Stunden Fahrtzeit Richtung Nordwesten bin ich es: Ich stehe auf dem Hof des Don-Roque-Rennteams, die bei meiner Ankunft gerade Patos Rennwagen in den LKW schieben.

Norm_Mail_90_Basta-5_04gr„Hola Normen! Du kommst gerade noch rechtzeitig“, ruft mir Pelado zu, „in fünf Minuten hättest Du uns verpasst. Also park Deine Yamaha in der Werkstatt und nimm Dein Gepäck mit, wir fahren jetzt zum Rennen nach San Luis und Du kommst im LKW einfach mit, basta!“

Normen

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