Mail88 – Feierabend
Normens Weltreise 88 – Feierabend
88. Feierabend, (6 Fotos), Mail vom 15. November 2009
Niemand ruft, aber dennoch möchte ich zurück nach Buenos Aires. Genaue Gründe fehlen mir zwar, aber werden mich nicht von einer Reise ins rund 2000 Kilometer entfernte Großstadtgetümmel abhalten. Aber keine Autobahnen sollen mich in den Süden führen, nein, Nebenstraßen der schlechtesten Sorte. Erneut verspreche ich mir davon – völlig unbegründet – interessantere Perspektiven oder gemütlichere Leute am Wegesrand.
Lohn dieses Unterfangens sind endlich mal wieder Campingnächte am Waldrand oder neben Tankstellen, an denen einfach nix los ist, aber von Dusche bis Abendessen alles vorhanden ist. Inklusive dem nächtlichen Regen versteht sich. Beschwerden will ich mich damit natürlich nicht, denn stark campingorientiert fing meine Reise ja mal an, wobei ich die Vorzüge der zahlreichen Gästehäuser und Betten in den letzten Jahren nicht leugnen will. Man wird halt doch irgendwie älter – und damit gemütlicher, auch wenn ich das kaum zugeben will. So ein Feierabend im gemütlichen Zelt ist und bleibt dennoch immer wieder aufs Neue was Schönes.


Nun ja, ein paar Tage später auf meiner ziellosen Mission fällt mir beim Blick auf die Karte wieder ein, was ich machen soll, wenn ich mal in der Nähe bin: vorbeischauen. Genauer gesagt hat mir das die Chefin des Renn-Teams, Mariana Vassalli, vor exakt einem Jahr. Ich könne mir die Produktionsanlagen ihrer Mähdrescher-Firma anschauen und sowieso einfach mal zu Besuch kommen.
Ich befinde mich im Bundesstaat Santa Fé und beim Abgleich mit ihrer Adresse entdecke ich, das das Oertchen Firmat tatsächlich in dem Bundesstaat liegt, an dessen Grenze ich gerade eine Pause mache. Ich befinde mich also in der Nähe. Na super, dann fahr ich da jetzt einfach mal hin. Ein Anruf? Ach was, die Leute sind spontan, da freuen die sich bestimmt auch auf Überraschungen.


Einige hundert Kilometer später durch ländliche Gebiete, die ländlicher nicht sein könnten, erreiche ich das kleine Städtchen Firmat. Eine Wegbeschreibung sei nicht nötig, hatte mir Mariana damals noch erklärt, ich müsse einfach auf der Hauptstraße bleiben, da würde ich den Firmensitz von DON ROQUE-VASSALLI problemlos entdecken, da er quasi das Zentrum der Stadt sei. Stimmt genau, als ich auf den Parkplatz der Hauptzentrale fahre, stoppt mich ein Sicherheitswachmann, der mich genauso spontan durchlässt, als ich sage, dass ich ein Bekannter der Chefin sei.

Wenige Minuten später begleitet mich ein Mitarbeiter ins Chefbüro-. Mariana und noch vier weitere Leute, die ich noch aus Rio Gallegos vom Rennteam kenne, sitzen da und begrüßen mich herzlich. „Gut, dass Du jetzt kommst, Normen“, sagt Mariana und ruft ihrer Assistentin Betina zu, mir doch ganz schnell einen Stapel neuer Klamotten zu besorgen. Noch recht verwirrt von einer derartigen Begrüßung, legt Mariana nach: „Und geh Dich schnell Duschen, wir fahren in 20 Minuten los!“

Wer hat hier jetzt wen überrascht? Obwohl ich inzwischen weiß, dass ich hier in letzter Minute aufgetaucht bin, ist mir völlig unklar, wohin wir jetzt schnell müssen, aber weil mich eine solche Spontanität begeistert, frag ich nicht weiter nach, schlüpfe in meine neuen Don Roque Klamotten inklusive Firmen-Unterhose und steige mit Ramiro, dessen Freundin Antonela, Mariana und José in einen Siebener BMW, der mit völlig überhöhter Geschwindigkeit und zahllosen Kurvendrifts auf viel zu kleinen Landstraßen nach Süden ballert.

Knapp 200 Kilometer oder meinetwegen auch zwei Stunden ohne Autobahn später, erreichen wir Arrecifes. „Wohnt hier nicht…?“ frage ich und höre prompt ein lautes „Ja“ der anderen. Pato Di Palma, der Rennfahrer ist hier Zuhause. Als ich ihn kennen lernte war ich schon hier, aber das liegt 14 Monate zurück. „Nun gut, und was machen wir hier?“ – „Du wirst schon sehen!“ entgegnen mir die anderen. Na denn. Als wir auf das Anwesen der Di Palmas fahren, sehe ich zahllose parkende Autos, hunderte von Menschen vor einem riesigen Festzelt und zwei Übertragungswagen von Fox-Sports und einem argentinischen Nachrichtensender. Eine Party also, verstehe. Und um es kurz zu fassen: Pato feiert, weil er Vize-Champion geworden ist. Beim Gewinner findet keine Party statt, weil Pato ja eine Party macht, da würden ja sonst kaum Leute zum Gewinner kommen. Und so sind fast alle Rennfahrer zu den Di Palmas geladen, weil die für ihre Feste berühmt sind und es die Fernseh-Teams es aus Buenos Aires nicht so weit haben. Alles in allem also eine praktische Sache.

Praktisch finde ich vor allem, dass lecker Essen und edelste Getränke serviert werden. Dann kommt Pato ins Festzelt und als er nach 30 Metern unter Applaus an unserem Tisch vorbeikommt, springt er spontan zu mir herüber und wir machen unser übliches Selbstauslöser-Portrait-mit-Zunge-raus-Digi-Bild. Sehr nett mich persönlich zu begrüßen, obwohl wir uns ja eigentlich am wenigsten kennen. Es folgen ein Fox-Sports-Live-Interview und nach einem deftigen Asado treten sukzessive so eine Art argentinischer Atze Schroeder und Dieter Nuhr auf der Bühne auf, was ich sprachlich nicht vergleichen kann, sondern nur anhand der Lacher und der Begeisterung im Publikum. Ein im wahrsten Sinne des Wortes unterhaltsamer Feierabend, der um vier Uhr Morgens endet, als wir zurück nach Firmat fahren.



Zum Mittagessen lädt Mariana zu sich nach Hause ein. Denke ich. Ein schönes großes Haus mit Pool, Tennisplatz und Personal, das wenige hundert Meter weiter ebenfalls in einem schönen, aber weitaus kleinerem Häuschen wohnt. Mir fällt auf: Ein Fleischgrill von 2,50 Meter Länge in einem Privathaus mit acht Schlafzimmern, wo kaum Erinnerungen, Souvenirs oder persönliche Gegenstände zu finden sind? Klar, es handelt sich um Marianas Gästehaus. Weiter nichts. Und genau dort, so bietet Mariana mir an, darf ich ab sofort auch so lange bleiben, wie ich möchte! Wow, ich bin begeistert, auch wenn es mir bei Ramiro auch gefallen hat, da bleib ich doch erst ein Mal ein Weilchen! Als wäre das nicht genug, erfahre ich, dass heute Abend Marianas Party steigt, quasi der nächste Feierabend. Im Gegensatz zu gestern, handelt es sich heute um eine Weihnachtsfeier für alle Don Roque Vassalli-Mitarbeiter. Entsprechend größer fallen die Dimensionen aus, da im Werk rund 800 Mitarbeiter beschäftigt sind! Nicht schlecht, denke ich mir und genieße den Nachmittag am Pool mit vielen Faxenfotos, vielen Drinks und tollen Erlebnissen mit diesen netten Menschen mitten in Argentinien. Selbst Pato ist per Auto aus Arrecifes angereist, um mit seinem Team beim Hauptsponsor dabei sein zu können.

Am Abend heißt es dann erneut: Saufen und Fleisch-Essen in stilvollem Ambiente! Ein sternförmiges Zelt, in dessen fünf Arme rund 180 Leute passen ermöglicht diese Feier unter einem Dach. Allein 60 Köche sind engagiert, das Fleisch so zu grillen, dass es argentinischen Ansprüchen genügt. Ich sitze natürlich am zweitwichtigsten Tisch zwischen allen Assistentinnen der Geschäftsleitung. Auch nicht sooo unangenehm. Ich plaudere jedenfalls so gut ich kann auf Spanisch mit Betina (also nicht so gut) und lerne meine Tischnachbarin Mara kennen. Sie spricht hervorragendes Englisch (ich auch) und so erfahre ich aktuelles, Hintergründe und Tratsch aller Art über die Firma, die schon seit rund 30 Jahren für die Rennaktivitäten der Familie Di Palma Hauptsponsor ist.
Erneut steigt die Stimmung, als ein bekannter, gut bezahlter Jürgen-Drews-Verschnitt auftritt. Dieser ist etwas überrascht, dass Mariana und ihr Bruder Martin nicht nur kurz peinlich berührt mitsingen, als dieser am Tisch auftaucht, sondern sich prompt das Mikrofon schnappen, um selber auf der Bühne im Karaoke-Stil die Show zu übernehmen. Klasse, dass sich die Chefs hier noch ohne falsche Zurückhaltung präsentieren, warum sollen auch immer betrunkene Mitarbeiter für Unterhaltung der Firmenfeier sorgen? Letztes Highlight des Abends ist die Verabschiedungszeremonie von Mariana beziehungsweise das Fehlen derselben: Unbemerkt abhauen! Denn sie tanzt bis zum Schluss und will daher nicht, dass jemand noch vor Sonnenaufgang geht. Und so suchen sich die Gäste einen unbeobachteten Augenblick, um nach und nach aus dem Zelt zu verschwinden.
Jetzt bin ich allein im Gästehaus. Das beste Zimmer, ein riesiger Plasma-Fernseher mit Kabelanschluss, ein schöner Pool, und das coolste: Leute, die mich ständig fragen, was ich denn zu Essen haben will! Wahnsinn. Nach zwei Tagen Ruhe und ohne weiteren Parties kommt Marianas Mann Jose mich abholen. Eine Werksbesichtigung steht auf dem Programm. Wann hat man schließlich schon Gelegenheit, eine Maehdraecherproduktion aus nächster Nähe zu sehen? Sehr interessant jedenfalls, auch wenn man mit derartigen Maschinen so gar nichts am Hut hat, aber Männer freuen sich halt schon genetisch bedingt, wenn sie große Motoren und schwere Technik anfassen dürfen. Ist halt so. Später sitze ich wieder am Pool und genieße meine seltsame Weltreise, obwohl von Welt ja gar keine Rede sein kann, wenn man immer rund um Argentinien unterwegs ist, um dann doch wieder zurückzukommen. Kann man es hier aushalten? Kann man. Will man hier weg? Nein. Muss man hier weg? Ja, da das Visum schon bald wieder abläuft. Da komm ich am besten später noch mal wieder. Einen schönen Feierabend wünscht Euch der
Normen

Dezember 14th, 2009 18:15
Hallo Normen.
Ich bin vor 3 Tagen auf deine Seiten gestossen. Da ich ebenfalls eine XTZ fahre (leider nur eine 750er) konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Ich bin total neidisch das du einfach machst wovon andere nur träumen. Wirklich, Hut ab. Wie finanzierst du das Leben unterwegs? Hast damit keine Probleme? Wann kommt die nächste Mail?
Gruß
Thomas
Januar 14th, 2010 20:24
Hallöchen
Habe wieder mit Begeisterung alles aufgesogen und freue mich auf alles gute was da noch folgen wird!!!
Klaro werde ich die Folgenden Berichte lesen, nur dachte ich es kommen nun keine mehr!?!? Auch bin ich gespannt was du von mir schreiben wirst wenn wir uns hier in Brasilien treffen werden, hoffe ich zumindest. Schön auch, das es nun noch einen begeisterten Leser (Thomas Brune) gibt. Gestern habe ich im net eine Super Tenere 900 gefunden, ich glaube sie trug den Motor der TDM, das nur zum ;leider nur eine 750er;!!!!! Asta lavista