Mail87 – Mission Misiones

Normens Weltreise 87 – Mission Misiones
Mail vom 19. Oktober 2009

icon.jpgWillkommen in Argentinien. Nun ja, nicht wirklich, der Zoll heißt einen normalerweise eher nicht willkommen, sondern betrachtet einen eher wie ein lästiges Übel, das vom Bürokratiekuchen auch noch ein paar Scheibchen abhaben will. Der Grenzfluss am Dreiländereck liegt hinter mir, die Bootsfahrt hat ein Ende und nun werde ich noch nicht einmal freundlich begrüßt. Ein paar Minuten brauche ich mit Sätzen wie „Schoen wieder hier zu sein, hier ist ja alles viel toller!“ und schwupp ist die Stimmung besser und die Zollbeamtem gleich viel freundlicher.

Norm_Mail_87_Mission-2_02grAls Hauptpreis für meine Schleimereien bekomme ich von der schnauzbärtigen Chef-Simulation einen Aufkleber geschenkt, den er von seinem Schreibtisch abzieht: Die Umrisse des Landes mit den Farben der Nationalflagge. Klar, das Ding muss auf meinen Tank und klebt ihn ohne zu fragen einfach drauf. Wahrscheinlich konnte er es nicht mehr aushalten, jahrelang auf die misslungene, Fehlgedruckte weil spiegelverkehrte Variante des Landes zu schauen und hoffte, dass es den dämlichen Touristen aus dem fernen Ausland nicht auffallen würde…

Norm_Mail_87_Mission-1_01grNorm_Mail_87_Mission-1_03Norm_Mail_87_Mission-1_04Wenig später mach ich auf den Weg nach Süden. Misiones heißt dieser nordöstlichste Zipfel des Landes, quasi das Florida Argentiniens, mit subtropischen Zuständen. Ziel ist das Städtchen Eldorado, eine landwirtschaftlich geprägte ehemalige deutsche Kolonie, die etwas besser klingt, als sie aussieht. Rund 100 Kilometer später, ich habe soeben das Schild „Helgolandia“ passiert, werde ich von einem liebenswürdigen Ehepaar erwartet, die ich vor rund sechs Jahren in Deutschland kennen gelernt habe: Norma und Rene, die Schwiegereltern meines Kumpels, der eine argentinische Frau geheiratet hatte. Gut, die Aufforderung, auf alle Fälle zu Besuch nach Eldorado zu kommen, falls ich jemals in Argentinien sei, liegt schon ein paar Jährchen zurück, aber es klang sehr zeitlos. Jetzt steh ich vor ihnen und alles scheint wie damals: „Da bist Du ja! Schoen, wir haben ein Zimmer für Dich, da kannst Du schlafen. Hast Du Hunger? Willst Du was trinken? Das sind unsere beiden Enkel und der Hund ist 20 Jahre alt und blind! Cousine Lily kann Dir die Stadt zeigen und die Spinnen hier sind ungefährlich!“ – Irgendwelche Fragen zur sensationellen Gastfreundschaft in Argentinien ?

Norm_Mail_87_Mission-1_02grNorm_Mail_87_Mission-2_03Norm_Mail_87_Mission-2_04Dennoch, und so was sage ich höchst selten, bin ich nicht zum Vergnügen hier. Mein Auftrag ist klar formuliert: Die 660er Tenere meines Kumpels Detlev aus den Klauen des argentinischen Zolls in Misiones befreien. Egal wie. Und das ist auch mal schön, denn ansonsten lautet ja mein allgemeiner Plan, einfach nur sinnlos in der Gegend zu bleiben. Die Vorgeschichte: Det kam vier Jahre lang mit seinem Jahresurlaub nach Argentinien, holte dabei jedes Mal seine Yamaha aus dem Zoll, da sie im Land nur 10 Monate bleiben darf, zahlte immer eine 100-Dollar-Strafe, fuhr immer innerhalb von 24 Stunden (wie befohlen) aus dem Land, reiste dann wieder ein und durfte wie üblich durchs Land reisen, bis er seine Reise-Enduro wieder beim Zoll abstellte und sich bis zum folgenden Jahr verabschiedete.

Norm_Mail_87_Mission-2_01grIm fünften Jahr war es leicht anders. Er kam, holte die XTZ, fuhr nach Uruguay, kam zurück nach Argentinien, erledigte die Einreise wie immer fuhr ins Land und nach einigen Tagen kam der Zoll und beschlagnahmte sein Motorrad! Die Kiste war weg, er sei illegal eingereist – hieß es – und daher müsse er eine Strafe zahlen, sobald der Strafbescheid per Post ankommt. Dieser kam aber erst nach vier Monaten, wodurch das 90-taegige Recht zum Einspruch verstrich, da bis zur Zustellung des Briefes glatte vier Monate vergingen. Durch diese gewollte Verzögerung seitens des Zolls verlor Det so gut wie alle Ansprüche, sein Moped jemals noch mal wieder zu sehen. Ein weiteres Schreiben acht Monate später schien jedoch eines zu versprechen: Der Fall sei erledigt, wenn eine Geldstrafe von rund 1500 Dollar bezahlt würde.

Norm_Mail_87_Mission-3_01grNorm_Mail_87_Mission-3_02Norm_Mail_87_Mission-3_03Norm_Mail_87_Mission-3_04grSomit machen Rene, die Kohle und ich uns per Bus uns auf den Weg nach Puerto Iguazu, um uns dort mit Karsten am Dreiländereck zu treffen, der ja in Paraguay geografisch gesehen quasi auf der anderen Seite des Flusses wohnt, und durch seine diplomatischen Kenntnisse sicher eine Hilfe bei der Abwicklung des Falles sein wird. Durch bestimmte Umstände taucht jedoch sein Bruder Klaus mit einer durchaus imposanten ehemaligen Staatskarosse am vereinbarten Treffpunkt auf, wobei der gewünschte „wir sind wichtig“-Effekt verpufft, da das Zollbüro auf der Rückseite des Gebäudes liegt, wo keiner von denen unseren Wagen sieht. Hinzu kommt, dass man Mühe hat, die Akten des Falls zu finden, was nach einer halben Stunde jedoch gelingt und zu unserer Verblüffung hört sich dieser laut der Zollbeamtin ganz einfach an:

>> Ja, Herr Detlev muss eine Strafe wegen illegaler Einfuhr eines Motorrads zahlen, dann ist der Fall erledigt! <<

- Sollte man da nicht bedenken, dass ER sein Motorrad gar nicht illegal eingeführt hat, sondern der Zoll ihn versehentlich reingelassen hat?

>> Das mag sein, aber die hätten ihn nicht reinlassen dürfen! Das ist aber auch egal, Sie müssen die Strafe von 1500 Dollar bezahlen! <<

- Kann ich das Motorrad vorher sehen?

>> Wieso wollen Sie das Motorrad vorher sehen? <<

- Na ja, wer weiß, ob da noch alles dran ist. Vielleicht fehlt ja schon der Motor oder sonst was. Wir würden das Fahrzeug gerne sofort nach Paraguay fahren.

>> Am besten geben Sie mir erst das Geld. Das Motorrad bekommen Sie sowieso nicht wieder! >>

- Wie bitte? Warum sollte ich Ihnen 1500 Dollar zahlen, wenn wir das Motorrad anschließend nicht bekommen werden?

>> Weil Herr Detlev illegal eingereist ist und ohne diese Strafzahlung kann er nicht mehr nach Argentinien einreisen! <<

- Ich kann ihnen versprechen, dass er nie mehr einreisen wird, wenn er sein Motorrad nicht zurückbekommt. Er kommt ja immer zum Motorradfahren nach Argentinien. Für das Geld kann er sich doch besser in Paraguay ein Motorrad kaufen und es benutzen, statt ihnen das Geld zu geben, ohne etwas davon zu haben!

>> Sie müssen aber zahlen! >>

- Nee, muss ich nicht, Ihnen entgehen gerade 1500 Dollar, und wer auch immer die Yamaha bekommt, wird in diesem Land keine Ersatzteile dafür finden. Schönen Tag noch!

Norm_Mail_87_Mission-4_03grMission impossible. So könnte man das Ergebnis dieses Treffens nennen. Immerhin waren wir nicht erfolgloser, als zwei Anwälte, die Detlev zuvor schon beauftragt hatte, die „Geisel“ zu befreien. Es scheint, als sei der Zoll fest entschlossen, das Motorrad zu behalten. Normalerweise werden beschlagnahmte Fahrzeuge versteigert, aber die 660er scheint einen Liebhaber innerhalb des Zolls gefunden zu haben, da sie seltsamerweise nicht auf der Liste auftaucht. Rene und ich verabschieden und bedanken uns bei Klaus für seine Hilfe und fahren zurück nach Eldorado.

Norm_Mail_87_Mission-4_01Norm_Mail_87_Mission-4_02Norm_Mail_87_Mission-4_04grOk, wenn ich die Kiste schon nicht retten kann, dann doch wenigstens Det’s Gepäck. Dies liegt nämlich noch immer bei Norma und Rene reisefertig bereit. Dummerweise gibt es jetzt folgendes Problem: Er darf oder besser will bei 1500 Dollar-Strafzahlung nicht mehr nach Argentinien einreisen, hätte aber dennoch ganz gerne sein Gepäck zurück. Ich selber bin schon bekanntlich bis unter den Rand beladen und kann daher kein weiteres Gepäck mitnehmen. Also muss eine andere Lösung her: Wieso nicht den Kram einfach an das andere Flussufer nach Paraguay bringen? Irgend ein Boot wird mich jawohl samt beladenem Motorrad mitnehmen. Misiones imposible – der Zoll am Flussufer, der seltsamerweise gleich hinter einem Park namens „Schwelm“ liegt, erklärt mir, dass hier keine Fahrzeuge rüberkommen, nur Personen. Also verabrede ich mich mit Michael, der mit Klaus und zwei Besuchern aus Deutschland kurzerhand 50 Kilometer staubige Geländepisten auf sich nehmen, um mich, bzw. Detlevs Gepäck auf der paraguayschen Seite in Empfang zu nehmen.

Norm_Mail_87_Mission-5_01grNorm_Mail_87_Mission-5_02Norm_Mail_87_Mission-5_03Norm_Mail_87_Mission-5_04grWenigstens das klappt. Ich lasse meine Yamaha am Ufer zurück, trage das Gepäck in das kleine Boot und treffe 10 Minuten später auf der anderen Seite tatsächlich wie verabredet auf Michael und Klaus. Wir beladen den Wagen, trinken eine Cola verabschieden uns wenig später, ohne uns wirklich darüber zu wundern, das auf dieser Seite keine Herrschaften vom Zoll zu finden sind. Die Hütte ist zu, scheinbar ist Mittagspause. Näheres weiß man nicht. Macht aber auch nichts, denn so komme ich ohne weiteren Stempel im Pass wieder zurück nach Eldorado, wo mir die Zollbeamten eine Gute Fahrt wünschen. Zugegeben, meine Mission in Misiones ist fehlgeschlagen. Aber vielleicht hat es auch am Ende was gutes. Was genau, weiß ich zwar noch nicht, aber das wird sich schon klären.

Normen

2 Kommentare zu “Mail87 – Mission Misiones”

  1. Robert Wölfl
    November 3rd, 2009 20:48
    1

    Als wir im Januar 09 die Grenze von Bolivien nach Argentinien wechselten wollte uns auch so ein Idiot die Karren wegnehmen, weil uns ein schnell erfundenes Dokument fehlte. Klar, er wollte massig Dollars sehen – nach ein paar blödsinnigen Stunden und deutlich weniger Kohle
    hat er sich was fürs Schäferstündchen (verdient)
    und uns in die Freiheit nach Argentinien entlassen. Nach inzwischen 9 Jahren in Brasilien,
    kann ich mit absoluter sicherheit sagen, das sowas in Südamerika überall und leider jederzeit
    passieren kann. Bis demnächst

  2. edward
    Dezember 17th, 2009 11:38
    2

    Hallo!
    was für schöne Bilder.
    Das ist ja Genuss pur.

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