Mail 74 – Rioansich
Normens Weltreise 74 – Rioansich
Mail vom 17. Mai 2008
Vorwort
Der Autor kann es selbst kaum fassen. Wir schreiben das Jahr 2008. Das heisst, dass das Datum auf den Bildern unten rechts um so erschreckender wirkt: 2006! Ich wuerde luegen, wuerde ich behaupten, dass die kommenden Geschichten aus Brasilien aus dem Jahr 2007 stammen, aber ich bleibe bei der Wahrheit. Und die ist manchmal hart, sogar fuer mich, einem, der seit vielen Jahren „Urlaub“ simuliert und eigentlich – so die Theorie – den ganzen Tag Zeit haben muesste, Geschichten am Computer zu schreiben.

Es mag dem einen oder anderen unrealistisch erscheinen, aber ich werde versuchen, aufzuholen. Bei mehr als zwei Jahren Rueckstand gar nicht so leicht. Da aber irgendwie doch keiner so genau weiss, was ich wirklich so den ganzen Tag mache, bleibt mir freigestellt zu behaupten: „Ich hatte keine Zeit.“, oder hatte gerade was besseres zu tun. Was genau, wird vermutlich inFolge 98 ausfuehrlich beschrieben. Man darf also durchaus gespannt sein, ich war es auch un bin es noch immer! Normen
Rio an sich
Babilonia – wo bitteschoen finde ich den Eingang zu dieser Favela, die in Rios Stadtteil Leme liegen soll. Den ersten Taxifahrer, den ich frage, schickt mich lediglich in die passende Richtung: „Ganz am Ende der Copacabana, da ist Leme. Von dort einfach den Berg rauf, dort liegt Babilonia!“ – gesagt getan. Allerdings frage ich vorsichtshalber noch mal eine Polizeistreife, die am Eingang der Favela parkt.

” Du willst wirklich da rein? ” – Ja, ich hab da eine Adresse. Casa 35. Wissen sie wo das ist? – ” Ja, aber warum suchst Du dir nicht einfach ein schickes Hotel an der Copacabana? ” – Weil ich nun mal zu Casa 35 will. Können Sie mich nicht einfach dorthin bringen, wenn es angeblich so gefährlich ist? ” Nein, aber ich werde eines der Mopedtaxis bescheid geben, Dich dorthin zu begleiten. ” – Ok, klingt auch nicht schlecht. Obrigado!
1,50 Real kostet eine Fahrt mit dem Favela-Taxi den steilen Berg hinauf. Sind etwa 57 Cents, was verhältnismäßig teuer ist, aber häufig die einzige Chance darstellt, überhaupt ohne zu Laufen ans Ziel zu kommen, da „normale“ Taxis von außerhalb die Fahrgäste meistens vorher rausschmeißen, da ihnen eine Weiterfahrt als zu gefährlich erscheint. Aber was soll’s, ich fahre einfach mit meiner Ténéré hinter dem Mopedtaxi her und erreiche Casa 35, das „Chill & Surf“ von Rio der Janeiro.
Graffitis zieren die Wände und als ich das Haus betrete, merke ich, dass mich in einer Art oesterreichischer Maenner-WG befinde. Mattias ist der Chef aus der Steiermark und hat das Haus hier gekauft, um dort Touristen zu empfangen. Eine recht einmalige Kombination, denn normalerweise halten sich Ausländer sicherheitsbedingt fern von Favelas, was laut Definition mit „Armenviertel“ uebersetzt wird. Dauergaeste im Chill & Surf sind darüber hinaus Geraldo aus Wien sowie „Russ“, der einzige „Ausländer“ aus Deutschland. Ganz klar, wenn Touristen irgendwo in Brasilien nix zu suchen haben, dann ja wohl in einer Favela in Rio de Janeiro. Haben uns Filme wie „City of God“ nicht eindrucksvoll gezeigt, dass es dort gefährlich ist und man fuer einen falschen Blick oder seine pure Anwesenheit umgelegt werden kann?

Haben sie. Aber Mattias klärt gleich einmal die Regeln der Favela: Keine Waffen verkaufen, das machen andere. Keinen Drogendealern ihr Territorium streitig machen, kein willkuerliches Umherwandern kreuz und quer durch die Favela zum „gucken“ und – fuer mich persoenlich am schlimmsten – keine Fotos! Nun ja, denke ich mir, wenn das alles ist, sollte mir das Ueberleben irgendwie gelingen, zumal ich und viele andere Leute glaubten, dass die pure Anwesenheit schon ausreicht, auf der Liste der unerwuenschten Personen zu landen. Aber nach ein paar Tagen gruessen einen schon die Leute in den engen Gassen und der gegenueber liegende Hamburgershop praesentiert sich nach vorsichtigem Kennenlernen als „Media-Markt“: guenstige Kameras werden unter der Hand verkauft, natuerlich stets vom Cousin aus Portugal, der wie immer das Ladegerät beim Postversand vergessen und die letzten Bilder gerade vor wenigen Minuten am Strand aufgenommen hat. 100 Dollar unter Ladenpreis kosten die Knipsen durchschnittlich, kauft sie hier keiner, wandern sie den „Berg“ rauf und werden dabei immer guenstiger…
Jedenfalls wohnt man ganz gut in so einer Favela. Erst wenn man hinauslaeuft zur Copacabana, soll es fuer mich oder eher meiner Kamera gefaehrlicher werden. Denn so komisch es klingen mag: innerhalb der Favela wird nicht geklaut, die Ware wird woanders geholt und hier lediglich verkauft! Auf Diebstahl steht ein Schuss durch die Handflaeche, was unter den Bewohnern als nicht so beliebt gilt. Zwei Haende hat man, die dritte Kugel geht durch’s Herz…
Draussen jedenfalls gelten andere Regeln. Die einer normalen Millionenstadt, weiter nichts. Ueberfaelle gibt es genauso wie in Berlin, die Stadt ist zunaechst so unuebersichtlich wie London und der Verkehr ist – mal ganz ehrlich – geradezu laecherlich fuer eine 11-Millionenmetropole. Liegt wahrscheinlich daran, dass die meisten Einwohner sich gar kein Auto leisten koennen, und deswegen die Strassen verhaeltnismaessig leer sind. Grob formuliert: der Verkehr von Bielefeld ist zur Rushhour schlimmer! Schiss ist also nicht wirklich angesagt, wenn man durch die Stadt faehrt, es gibt breite Strassen, die Beschilderung, die zu dein einzelnen Stadtteilen fuehrt, ist geradezu vorbildlich und staendig kommt man an irgendwelchen Straenden vorbei. An den Ampeln vieler Kreuzungen stehen irre Jonglierer, denen man schon Respekt zollen muss, allein, wie sie auf die Tonnen und den Schultern des Tragenden in der kurzen Rotphase hochklettern und dann auch noch Zeit finden, ein paar Cents von den bereits losgefahrenen Autofahren aufzufangen. Der geographischen Beschaffenheit dieser Gegend sei Dank, ist man stets umgeben von Bergen, dschungelaehnlichen Naturabschnitten, breiten Promenaden und wie gesagt herrlichen Straenden. Schon nach kurzer Zeit vor Ort stellt sich ein Gefuehl ein, dass man mit „Hier kann man’s aushalten“ beschreiben koennte. Zu meiner Ueberraschung zaehlt Rio de Janeiro zu den Staedten, die sich auf Anhieb als „gut“ anfuehlen. Anders ausgedruekt: es gibt Staedte, in denen fuehlt man sich eben nicht gut. Spontan faellt mir da Nairobi in Kenia ein, da nicht, Rio aber schon. Und beide gelten als besonders gefaehrlich.


Weil es so schoen ist, sollte man die Tage in Rio auch geniessen. Los geht’s: Raus aus dem Haus, bekleidet nur mit Short und Handtuch, rein in die Favela und gemuetlich an dem schwer bewaffneten Militärpolizeitrupp vorbei, die sich gerade auf der Suche nach einer gefluechteten Person in die Favela getraut haben. Doch nach ein paar Zurufen und lautstarker Warnungen nicht erkennbarer, versteckter und vermutlich nicht minder schwer bewaffneter Favela-Bewohner, dreht die Truppe wieder um und verschwindet.
Da man als Reisender mit den Auseinandersetzungen nichts zu tun hat, gilt es eigentlich nur gemaechlich das Handtuch ohne hektische Bewegungen zurechtzulegen und den Kopf einzuziehen, um den vereinzelten Warnschusskugeln auszuweichen, die hin und wieder durch die Gegend pfeifen. Am besten geht man in solchen Zeiten kurz zum „Kurvenwirt“, der zu allen Zeiten seinen Besuchern ein guenstiges „Chopp“, also ein kuehles Bier Marke „Skol“ anbietet, egal was draussen los ist.

Unten angekommen, also ausserhalb von „Babilonia“, sollte man die Gelegenheit nutzen, um sich am Strand der Copacabana ein Bad zu goennen. Das Wasser ist immer warm, der Sand immer heiss und kleine Huetten bieten stets Caipirinhas oder Kokosnuesse an. Dabei faellt nach einigen Wochen auf, dass eigentlich immer wieder Fotoshootings mit irgendwelchen Models stattfinden, was aber eigentlich voellig wurscht ist, da die lokalen Schoenheiten sich ebenso am Strand zeigen und sich ebenso gerne praesentieren. Allerdings nur Freitag bis Sonntag, das ist der allgemeine Badetag, innerhalb der Woche bleibt der Strand fast leer, wogegen nur weisse Touristen vor den Hotels der Copacabana und Ipanema sich ein schickes krebsrot anbraten.
Am Wochenende ist dann der Tag der Bewohner und Umgebung. Es wird gebraeunt, als gebe es schon bald keine Sonne mehr, wogegen das Wasser fast schon gemieden wird, zumindest von den Frauen: Bis zu den Knien ins Wasser, dann mit Hilfe eines kleinen Eimerchens schnell Ruecken und Arme nass gemacht und ab zurueck zum Liegestuhl oder Handtuch. Bedingt durch’s Wochenende laesst sich der Brasilianer an sich sein Bierchen nicht nehmen. Vom Eindruck her wuerde ich schaetzen, dass noch mehr gesoffen wird, als auf anderen Kontinenten. Waehrend sich die Deutschen meistens noch einen Grund zum Saufen suchen (Geburtstag, Stammtisch, Fussball oder Kegelclub), zeigt man hier eigentlich nur auf’s Thermometer: es ist heiss. Das langt als Motivator, mehr Ausreden werden nicht benoetigt. Gesoffen wird Skol, Antarctica, Nova Schin oder Brahma, was auch immer die Jungs am Strand aus ihren eisgekuehlten Styropor-Kuehlboxen anbieten.
Jetzt noch schnell ins Wasser springen, sich von ein paar gigantischen Wellen hin und her schmeissen lassen, barfuss zum Supermarkt, Einkaufen und zurueck in die Favela, rauf den Berg, ran an den Computer und schreiben. Ja, so koennte ich mir meinen taeglichen Weg zur Arbeit ganz gut vorstellen. Es erscheint mir, selbst nach mehrmaligem Ueberlegen, besser, als im kalten Nieselregen auf Deutschlands Autobahnen im Stau zur Arbeit zu fahren. Auch dann, wenn ein paar Wochen im Jahr Sommer simuliert wird.



Rein optisch kann diese Stadt sich eigentlich nur mit Kapstadt messen. Beide haben Berge, viel Gruen und jede Menge Straende in einer einzigartigen Konstellation. OK, Rio hat drei Mal mehr Einwohner, und im Gegensatz zu Kapstadt warmes Wasser zu bieten. Aber ob man nun badet oder nicht, ist egal, beide Staedte sind faszinierend, aber was genau es ist, laesst sich so einfach nicht sagen. Ganz sicher ist es nicht die Kriminalitaetsstatistik. Die besagt naemlich, dass die Mordrate in Rio 60 mal hoeher ist, als in Deutschland. Laesst man sich in Rio also nicht ermorden, merkt man von diesen Zahlen nix und kann dabei seine verbleibende lebendige Zeit eher dazu nutzen, sich ein paar schoene Dinge anzusehen, wie zum Beispiel den Ausblick in 704 Meter Höhe vom Corcovado-Berg, auf dessen Spitze eine 38-Meter hohe Jesus-Statue steht. Rauf kommt man dort per Seilbahn, Taxi oder geht zu Fuss. Der Haken beim letzten Vorschlag ist dabei jedoch, dass man wahrscheinlich ohne Kamera oder Geldbeutel oben ankommt, da ein paar Anwohner am Berg die Tascheninhalte von vorbeilaufenden Touristen dringender benoetigen. Relativ ueberfallfrei kommt man im Vergleich auf den knapp 400 Meter hohen Zuckerhut rauf. Auch dort faehrt eine uralte Seilbahn auf die Spitze und da passiert nix.
Genauso wenig wie abends in der Altstadt „Lapa“, was vielleicht Finnisch klingt, aber doch urbrasilianisch ist. Ganz schoen gemuetlich praesentiert sich dieses „Bairrio“ (Stadtteil), dessen Wahrzeichen eine weisse Bruecke ist, die sogenannten „Boegen von Lapa“, auf deren hoechster Trasse noch immer eine Strassenbahn faehrt. Hilft jedenfalls stark bei der Orientierung, sollte man sich kurzfristig verlaufen haben. Wie schon zuvor beschrieben, herrscht auch im Zentrum der Altstadt eine ueberraschend gute Stimmung. Vielleicht liegt es daran, dass dort im Vergleich zur Einwohnerzahl gar nicht so viele Leute nachts rumlaufen. Jedenfalls fahren zu allen Zeiten kleine Minibusse in alle Richtungen, sodass man auch weit nach Mitternacht problemlos zurueck in die „sichere“ Favela kommt.

Mir hat’s jedenfalls sehr gefallen, scheinbar genauso wie dem Filmteam vom TV-Sender „sbt“, dass kurz zuvor von Mattias Favela-Hotel gehoert hat, spontan vorbeikamen, und einen kurzen Bericht drehten. Gefallen hat denen zumindest mein lustiges Portugiesisch, dass ich da ohne Scham vor der Kamera ausplauderte. Scheint einen gewissen Unterhaltungswert zu haben: Deutscher auf Moped-Weltreise, der sprachlich voellig daneben liegt, wild gestikulierend und so die zuschauende Nation zum lachen bringt. Einer muss es ja machen. Normen – der sich tatsaechlich vorstellen koennte, einfach hier zu bleiben…

Mai 20th, 2008 16:17
Hallo alle zusammen!
Schön diese Reiseberichte zu lesen. Ich habe auch gerade ein Jahr in Rio gewohnt (Santa Teresa) und schreib auch meinen Blog mit ironischen Kurzfilmen:
http://www.blog.ar2com.de/bolivia-cocaine/
oder eine Trilogie über Rio’s Lifestyle:
http://www.blog.ar2com.de/rio-de-janeiro-how-it-all-started/
Ich würde mich freuen, wenn Ihr Kommentar lasst zu Euren Vorstellungen, Erfahrungen von/mit FAVELA.
http://www.blog.ar2com.de/favela
Viel Spaß weiterhin beim Reisen,