Archiv für Oktober 2006

Mail 57

Samstag, 28. Oktober 2006

Normens Weltreise 57 – Garth’ Garten-Urlaub
Mail vom 6. Mai 2006

icon.jpgWir sprechen hier von 410 Hektar. Das bedeutet reichlich Platz und Abwechslung. Es gibt sogar einen Wasserfall, einen See, acht Kilometer Fluss und unglaubliche Endurostrecken. Schluchten unterschiedlicher Groesse sind zu finden, dichte Waelder und offene Felder. Tiere gibt es auch: zahlreiche Springboecke, diverse Greifvoegel, Wildschweine und Affenherden.

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norm_11976_mail-57_2.jpgnorm_11976_mail-57_3.jpgnorm_11976_mail-57_4.jpgGut, denkt da der Stadtmensch, ein kleiner Nationalpark oder ein Naturschutzgebiet hat so was nun mal, was soll daran so besonders sein? Nun, wie soll ich es sagen, es ist quasi der Garten von Garth, oder passender, die Farm eines Freundes mit Namen „Wonderdraai“. Und wo auf diesem Planeten hat man einen solchen Garten? In KwaZulu-Natal. Wo zum Teufel liegt KwaZulu-Natal? Im Osten von Suedafrika, unweit der Grenze von Lesotho. Genauer gesagt in der Naehe von Newcastle.

Um es auf den Punkt zu bringen: ich bin neidisch. Mein plumper Versuch, meinen Neid ueber ein solches Anwesen zu vertuschen, endet in folgendem Satz: „Ja, das ist ja ganz nett, aber dafuer wohnst Du hier auch am Arsch der Welt!“. Innerlich aber will ich auch so was in meinem Garen haben, und bin dafuer gerne bereit, ebenfalls am Arsch zu wohnen, sollte ich anschliessend Wasserfall, See, Schluchten und den Gratis-Zoo bekommen.

Es ist das dritte Mal, dass ich bei Garth und seiner Familie innerhalb der letzten sieben Monate vorbeischaue. Urlaub im Garten steht wieder einmal auf dem Programm – wegen des grossen Erfolgs zuvor. Zwei Tage vorher kuendige ich meinen Besuch an, doch obwohl Garth mir mitteilt, dass niemand Zuhause bei meiner geplanten Ankunft Zuhause sein wird, soll ich meine Plaene nicht aendern: „Du weißt wo wir wohnen, Du weißt wie Du zum Hintertor kommst und wie es aufgeht, die fuenf Hunde kennen Dich auch und das Gaestehaus fuer Dich ist offen – wir sehen uns dann am Folgetag zum Fruehstueck, abgemacht!“.

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norm_11977_mail-57_4.jpgEs geht doch. Kenne ich von Zuhause gar nicht, Gaeste zu empfangen, selbst wenn man selber nicht da ist. Also einfach mal als Anregung in Erinnerung behalten. Doch zurueck zu meinem Garten-Urlaub. Es gibt soviel zu entdecken, dass man Wochen hier verbringen muesste, um alles mal zu sehen. Aber selbst von den zahlreichen Aktivitaeten abgesehen, die man hier unternehmen koennte, geniesse ich ebenso die Stunden, die ich alleine am Fluss sitze und lese. Ein besseres, friedlicheres Fleckchen Erde zum Entspannen scheint nicht zu existieren.

Aber im Urlaub liest man ja nicht nur, nein, man geht ja auch Baden und Wandern. Und der eine oder andere geht sogar Endurofahren. Und fuer diesen Fall hat Garth vorgesorgt: einige Zweitakter stehen in der Garage fuer den schwierigen Kurs bereit, alles andere nimmt er mit einem Viertakter unter die Raeder.

Und wie es der Zufall will, bietet er mir eine Yamaha IT 200 an, ein Zweitakter, der in Deutschland nie verkauft wurde, aeusserst selten ist und ich ebenso zufaellig daheim besitze. So muss ich mich bei diesem Ausflug noch nicht einmal an ein neues Fahrzeug gewoehnen. Spaeter steige ich auf meine Ténéré um, da wir nicht nur auf seiner, sondern auch auf der Farm seines Nachbarn unterwegs sind.

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norm_11978_mail-57_3.jpgnorm_11978_mail-57_4.jpgGarth macht seinen Tank noch mal voll und wir fahren los. Zum Wasserfall, der nur knapp einen Kilometer von seinem Haus entfernt ist. Ich bin ueberrascht, wie flott Garth am Gashahn seiner Enduro dreht. Es scheint, als habe er nichts verlernt, was er sich vor rund 15 Jahren antrainiert hat. Rennen ist er gefahren. Nicht irgendwelche, nur eines: Die Roof-of-Africa in Lesotho (siehe Mail 45). Dort hat er, der gelernte Jaeger und Bauunternehmer, zwei Mal teilgenommen und zwei Mal das Ziel erreicht, was unter Insidern schon als Hausnummer gilt. Denn nur ein Bruchteil des riesigen Starterfeldes erreicht ueberhaupt das Ziel beim haertesten Endurorennen der Welt.

Alleine schon der Wasserfall und der See davor wuerden eine Attraktion darstellen. Dort haben seine beiden Kinder Schwimmen gelernt, spaeter sogar das Springen von einem fuenf Meter hohen Felsen. Ein Grillplatz aus Fluss-Steinen ist vorhanden, sonst ist alles Naturbelassen. Ein kleiner Campingplatz waere hier perfekt. Es geht weiter. Immer wieder halten wir an besonders schoenen Stellen an und Garth erzaehlt mir von seinen Plaenen. Endurotouren moechte er anbieten. Nicht nur in seinem Garten, sondern bis nach Lesotho und Umgebung. Darueber hinaus sollen hier in Zukunft vereinzelt kleine Bungalows entstehen, damit auch andere Menschen sein Naturparadies geniessen koennen. Touristen in den eigenen Garten holen – das hoere ich zum ersten Mal.

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Auch Safaris fuer professionelle Jaeger sollen weiter ausgebaut werden. Schon jetzt kommen jedes Jahr eine Hand voll „Hunter“ aus aller Welt, bald muessten sie nicht mehr ins Hotel und koennen stattdessen auf seiner Natur-Farm bleiben – was die Kosten reduziert und die Attraktivitaet steigert. Auch Wanderer, oder auf Neudeutsch „Hiker“, waeren dann willkommen: mit geeigneten Karten koennten sie tagelang durch unberuehrte Natur streifen, in diversen Schluchten klettern, oder einfach nur ein Lagerfeuer am Flussufer geniessen – in absoluter Stille, weit weg von hektischem Verkehr, laermenden Staedten oder nervenden Satelliten-Fernseh-Programmen.

Alle paar Kilometer aendert sich die Szenerie. Vom Flussverlauf abzweigend, fahren wir durch eine Schlucht, die durch den Schattenwurf der Felswand und den dichten Wald fast schon unheimlich wirkt. Fahren ist vielleicht uebertrieben, da wir uns jeden Meter erkaempfen muessen. Mit der Ténéré waere ich gar nicht erst so weit gekommen. Ich erlebe hautnah, das auch anspruchsvolle Endurofahrer in Garth’ Garten auf ihre Kosten kommen werden – und wer kann das schon von seinem Garten daheim behaupten?

Als waere das nicht genug, zeigt Garth mir am Nachmittag ein weiteres Highlight, wenn auch ein rein nostalgisches: Einen 74er Toyota LandCruiser im Top-Zustand. Dieser Klassiker, und unter Kennern zweifellos einer der besten Gelaendewagen aller Zeiten, soll auf seine alten Tage noch lange nicht zum Museumsstueck mutieren. Zum einen erreichen damit Klienten das gewuenschte Jagdrevier, zum anderen – und das ist eine weitere Idee – koennen Anfaenger in Wochenendkursen das Fahren im Gelaende erlernen. Puristisch, ohne elektronische Hilfen, dafuer mit allem, was die Natur hergibt: Steilauf- und abfahrten, Flussbettdurchquerungen, Sandpassagen und sonstige Herausforderungen. Ich buche sofort und bekomme bis zum Sonnenuntergang meine ersten beiden Lehrstunden.

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Nach knapp einer Woche verabschiede ich mich, da mein Schiff nach Argentinien in einem Monat auslaeuft und nicht wartet. Sonst wuerd ich wohl fuer immer bleiben, zumal mir Familie Brent so vertraut vorkommt, als wuerden wir uns schon seit zehn Jahren kennen. Als ich die Wonderdraai-Farm vollbeladen wieder verlasse weiss ich, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich hier war und schwelge in Gedanken, wie man wohl in Deutschland an so an Anwesen kommt.

Sicher, man koennte einfach eins kaufen, das zumindest Teile der oben genannten Elemente enthaelt. Allerdings duerfte das dann auch mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Hier dagegen kostet das ganze in etwa den Gegenwert eines neuen LandCruisers, inklusive Haus und Gaeste-Bungalow! Mir bleibt also nicht viel Wahl: Wenn ich so was eines Tages auch mal haben will, muss ich nach Suedafrika ziehen, da ohne einen fetten Lottogewinn derartige Anwesen in Deutschland nicht bezahlbar sind.

Es sei denn, man hat Glueck und findet in gewissen Immobilien-Zeitungen oder bei Ebay in der Rubrik: „Haeuser mit Fluss, Wasserfall, See und nationalparkaehnlichem Grundstueck BIS 30.000 Euro“ ein derartiges Schnaepchen. Sollte jemand sowas entdecken, bitte Bescheid sagen, ich kaufe sofort und werde dann auch „Normens Garten-Urlaub“ anbieten – versprochen!

Normen

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Mail 56

Samstag, 28. Oktober 2006

Normens Weltreise 56 – Rubbel die Katz
Mail vom 12. Februar 2006

icon.jpgWir machen das so: Rubbel die Katz den Motor ausbauen, Kupplung und Zahnriemen wechseln und in vier Tagen schnurrt das „Beast“ wieder. Soweit zu unserem theoretischen Vorhaben, die Praxis sieht ja bei groesseren Schraubereien meist anders aus. Ich jedenfalls bin bereit, das erste Mal den Motor eines Autos auszubauen. Genau genommen bin ich bereit, ueberhaupt das erste Mal an einem Auto herumzuschrauben. Ja, noch nicht mal einen Reifen habe ich bisher wechseln muessen, was vermutlich nur daran lag, dass ich nie ein Auto besass.

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norm_11971_mail-56_4.jpgSag mal, hast Du dem gesagt, dass Du keine Ahnung hast? Eine berechtigte Frage meines Vaters am Telefon, als ich ihm mitteilte, dass ich noch ein paar Wochen laenger in Johannesburg bleibe, um meinem Freund Rick bei der Motorueberholung seines Autos zu helfen. Doch Rick, der an diesem Wagen selber noch nie den Motor ausgebaut hat, ist sich sicher: „Ach was, das duerfte alles kein Problem werden, es handelt sich hier lediglich um einen einzigen grossen „Boere-Traktor (Bauern-Traktor), quasi eine XT 500, nur mit elf (!) weiteren Zylindern!“. Um die Sache beim Namen zu nennen: Es handelt sich um einen 79’er Ferrari 512 BB – Berlineta Boxer – mit 12 Zylindern, also ein „richtiger“!

Weil’s nicht mein Wagen ist, hab ich keine Bedenken. Rick hat auch keine Bedenken, da wir es selber machen, und nicht einem schlampigen Ferrari-Haendler ueberlassen, der einem noch dazu fuer Kleinigkeiten unglaublich viel Geld abknoepfen will. Angeblich hasst ihn der Haendler dafuer, weil er scheinbar der einzige Kunde ist, der „normale“ Wartungsarbeiten wie Ventile Einstellen oder Kupplungswechsel selber erledigt.

Zur „Inspiration“ darf ich mit Rick und Margie zum Ferrari-Treffen zur ehemaligen Formel-1-Rennstrecke „Kyalami“ im Norden Johannesburgs. Da fast jeder Besitzer der Italienischen Marke dort auftaucht, quatsche ich ein paar 512er-Fahrer an, um ein paar Tipps zum Motorausbau zu bekommen. Doch Selberschrauben scheint nicht so beliebt zu sein, da alle ihre Arbeiten der Fachwerkstatt ueberlassen. Nun gut, als Bonbon darf ich ein paar runden in Ricks „kleinen“ 308 GTS drehen, waehrend er im 512er cruist!

Doch bevor es losgehen kann, gilt es ein anderes Problem zu loesen: Mein Visum laeuft in zwei Wochen ab! – Na dann faehrst Du halt kurz nach Swaziland, bleibst eine Nacht, holst Dir ein neues Visum und dann legen wir los, schlaegt Rick vor. Drei Tage spaeter legen wir los.

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Aus purer „Abenteuerlust“ – auch Rick hatte im Grunde keine Erfahrung – fangen wir eines Tages an, den riesigen Brocken irgendwie auszubauen. Wie oft bekommt man schon Gelegenheit, an derartigen Exoten zu schrauben, zumal die Zielgruppe normalerweise solche Arbeiten den Fachwerkstaetten ueberlaesst. Notfalls, so dachte ich, koennte ich ja, falls alles schiefgeht, und das 5-Liter-Monster am Ende nicht mehr funktioniert, ganz schnell den Kontinent verlassen!

„Normen, es gilt eine goldene Regel zu beachten: Was auch immer wir benoetigen, wir werden nichts bei Ferrari kaufen, die zocken einen in der Regel selbst bei Kleinigkeiten ab!“. Daher bin ich dazu auserkoren, noetige Ersatzteile bei anderen Autoherstellern zu suchen und vor allem zu finden. Notfalls kaufen wir Originalteile guenstig per Internet im Ausland. Meine zweite Aufgabe besteht darin, eine lueckenlose fotografische Dokumentation des Ausbaus anzufertigen, damit spaeter wieder alles richtig an seinen Platz kommt. Drittens: alles demontieren, ausbauen, vermessen, Schrauben in Plastiktueten verpacken und beschriften.

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Alles laeuft wie geschmiert. Grobe Bauteile lassen sich einfach entfernen, es scheint, als wuerden wir auf keine Hindernisse stossen. Rick gibt sich zuversichtlich und prognostiziert die weiteren Schritte: Wenn wir so weiter machen, haben wir den Motor in zwei Tagen ausgebaut und dueften in fuenf Tagen mit der Aktion fertig sein. Rubbel die Katz, quasi.

Doch das erste Hindernis sind die Kruemmer. Ohne deren Demontage ist ein Motorausbau nicht moeglich. Rick und ich liegen unter dem Wagen und kuemmern uns jeweils um eine Zylinderbank. Die Schrauben sind so gut wie nicht erreichbar und es scheint, als haette Ferrari in den Siebzigern kleine Kinder beschaeftigt, die mit ihren kleinen Haenden ausschliesslich Kruemmerschrauben an unzugaenglichen Stellen montieren. Mit Hilfe von Ratschen mit jeweils drei Gelenken, ohne Sicht und mit viel Geduld sind nach zweieinhalb Stunden die Dinger entfernt. Es kann weitergehen. Aus reiner Neugier finde ich in einem Internet-Ferrari-Forum einen Eintrag zum Thema „512-Motorausbau“. Die erste Zeile lautet: Das schlimmste bei der Demontage des Motors ist der Ausbau der Kruemmer!“ – Stimmt, scheinbar haben wir uns gar nicht bloeder angestellt als andere Freizeit-Mechaniker.

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norm_11974_mail-56_4.jpgFakt ist, unser Zeitplan haut nicht hin. Erst an Tag drei ist der Klotz ausgebaut. Macht aber nix, denn ich hab ja Zeit. Interessant wird es, als ich mich daran mache, die Ersatzteile zu besorgen. Wie nicht anders zu erwarten, werde ich beim Ferrari-Haendler nicht ernst genommen. Ist klar, da kommt einer mit einer gammeligen Ténéré und nicht mit seinem Zweit-Maserati. Man sieht in mir halt nicht direkt die Zielgruppe. Jedenfalls erhalte ich eine Liste mit Ersatzteilpreisen, um vergleichen zu koennen, wieviel wir jeweils bei den anderen Herstellern sparen.

Der erste Knaller kommt beim Oelfilter. 50 Euro will Ferrari haben fuer einen „originalen“, der seltsamerweise weiss ist und ein blaues (?) Ferrari-Logo ziert. Nach ein paar Stunden Filter-Vergleichen bei diversen Autoherstellern, finde ich bei Toyota ein hundertprozentiges Ebenbild. Es stammt von einem Hilux und kostet 6,50 Euro! Ersatzshims finde ich bei Audi, Zuendkerzen vom Golf I, und im Netz finden wir die Information, dass die Bremsen eines 7er-BMW’s ohne Aenderung an dieses Modell passen.

Schoen ist auch die Anekdote vom Riemen des Klimaanlagen-Kompressors. Einer Zahnriemen-Spezialfirma ueberlasse ich eines Tages alle benoetigten Varianten, ohne denen mitzuteilen, fuer welchen Zweck ich sie benoetige. Ein Rueckruf der Firma bringt eine Ueberraschung: Wir haben ihre Zahnriemen gefunden. Zwei sind fuer einen BMW-Motor vorgesehen, aber was wollen Sie mit dem schmalen dritten machen? – Der ist fuer eine Ferrari-Klimaanlage! – Wirklich? – Jawohl, fuer was ist der denn Ihrer Meinung nach vorgesehen? – Wir haben hier folgenden Verwendungszweck im Computer stehen: Antrieb einer Industrie-Toilettenpapier-Aufwickelmaschine!

Da ein kompletter Motor-Dichtungssatz bei Ferrari unglaubliche 4000 Euro kosten soll, entschliessen wir uns, neue passende Zylinderkopfdichtungen anfertigen zu lassen – fuer insgesamt 500 Euro, jedoch alles in doppelter Ausfuehrung, um beim naechsten Oeffnen vorbereitet zu sein! Die anderen schneiden wir in zahlreichen abendlichen „Bastelabenden“ aus Dichtungspapier aus. Rick will die alte vergammelte Wasserpumpe ersetzen und ist schockiert, was ein Original kosten soll: 2800 Euro! – Schnell habe ich einen Pumpenexperten in Johannesburg gefunden, der das Ding fuer laecherliche 150 Euro in einen Neuzustand verwandelt, inklusive Garantie. Ebenfalls erneuern wir saemtliche Schlaeuche, Gummileitungen, Dichtungen und sonstigen Schnickschnack, der sich so unter der Haube findet.

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Die Sache macht mir langsam Spass. Nach dem Reinigen saemtlicher Bauteile steht der naechste Schritt bevor: Ventile einstellen. Das kenn ich von meiner Yamaha, also erledige ich das. Haette nicht gedacht, dass ich das mal machen werde, aber man darf dabei nicht vergessen, dass es sich wie gesagt um einen grossen Bauern-Traktor handelt und nicht um filigrane italienische Renntechnik. Genau genommen ist das, was sich unter der Haube befindet regelrecht enttaeuschend. Schweissnaehte sind schlecht, grob oder ungleichmaessig, das verwendete Material scheint nicht von bester Qualitaet zu sein und Rick geht gar so weit zu behaupten, dass er das halbe Auto ab der Fahrerkabine selbst auf seiner Drehbank herstellen koennte – so simpel sieht es nunmal aus.

Dann kommt der erwartete Haken: Ein Ventil weisst viel zu viel Spiel auf und kann nicht anstaendig eingestellt werden, was widerum zur Ursachenforschung den Ausbau des Zylinderkopfes zur Folge hat. Dieser wird also zum Ventilexperten gebracht, der auch die andere Seite sehen will. Also muss der zweite auch runter. Der Experte laesst uns wissen, dass es gut war, zu ihm zu kommen, da er einige Unregelmaessigkeiten gefunden hat und nun einige Ventile ersetzen muss. Dummerweise kann er diese aber aufgrund fehlender Spezial-Rohlinge nicht selber herstellen, was den Kauf von Originalen beim Haendler um die Ecke voraussetzt. Dies jedoch widerspricht Regel Nummer 1 und so bin ich ein paar Tage damit beschaeftigt, die Ersatzteile im Internet zu finden. In England werde ich fuendig, bestelle die Ferrari-Ware, die unglaubliche 60 Prozent guenstiger ist, als beim abzockerischen Haendler daheim!

Nun zum eigentlichen Problem: Die bestellte Ware kommt und kommt nicht! Und meine Zeit wird schon wieder knapp: Ich muss quer durch’s Land reisen und mich noch hier und da verabschieden, einen Transport von Kapstadt nach Suedamerika organisieren und eine Kiste fuer die Karre bauen. Und Urlaub wollt ich auch noch machen, nach dem Wochenlangen Hocken in der Garage.

Und so hinterlasse ich nach 30 Tagen (!) einen komplett zerpflueckten Zwoelfzylinder, 300 detaillierte Digitalfotos, hunderte von kleinen Plastiksaeckchen mit Schrauben drin, unglaublich vielen Daten, Infos und Zeichnungen, aber auch eine Menge guter Freunde. Obwohl ich aus technischer Sicht irgendwie den Respekt vor Ferraris verloren habe, macht das Fahren ungeheuren Spass, sogar als Beifahrer. Und sollte ich eines Tages nach Suedafrika zurueckkehren, darf ich sogar eine Runde mit dem Drehmoment-Monster drehen – falls er jemals wieder laufen wird!

Normen
Uebrigens: Neulich bekam ich von Rick eine E-Mail: Der Motor laeuft wieder! Ich kann mich also getrost wieder in Johannesburg blicken lassen.

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Mail 55

Samstag, 28. Oktober 2006

Normens Weltreise 55 – Alles muss raus!
Mail vom 24. Dezember 2005

icon.jpgSo. Schon wieder steht Weihnachten vor der Tuer, wieder entstanden die Fotocollectionen in aller letzte Sekunde, wieder einmal haette alles schon laengst fertig sein sollen. Rechtzeitige Weihnachtsvorbereitungen – ich werde es wohl nie lernen. Alles was gesagt werden muss, steht auf den beiden Fotos. Eine pfiffige Geschichte folgt diesmal nicht (genau wie im letzten Jahr).

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In diesem Sinne, viele Gruesse von ganz weit weg,

Normen

ENGLISH
Thanks to all the people in Africa who supported me to have such an incredible adventure. I will never forget that!

ESPAGNOL
Muchos gracias para mi amigos en Argentina!

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Mail 54

Samstag, 28. Oktober 2006

Normens Weltreise 54 – Alles kann, nichts muss!
Mail vom 05. Dezember 2005

icon.jpgSinnlos. Schon einmal versucht, eine Stadt zusammenzufassen? Nein? Ich auch nicht. Dennoch werde ich es versuchen, trotz massiver Zweifel, dass es mir auch nur ansatzweise gelingen wird, daraus eine auch nur halbwegs interessante Geschichte zu machen. Dem kritiklosen Leser wird’s egal sein, solange ein paar Fotos zum gucken dabei sind, richtig?

Ueberfluessig. Wir befinden uns in Sued Afrika und wollen etwas ueber die Stadt Johannesburg lernen – behaupte ich einfach mal so, da mir kein passender Uebergang zu den Fakten einfaellt, an die ich mich noch erinnern kann. Mir ist bewusst, dass dieses Kapitel auf unglaubliches Interesse stossen wird, schliesslich will man gerade jetzt zur Adventszeit mehr ueber diese Stadt erfahren.

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norm_11978_mail-54_3.jpgnorm_11978_mail-54_4.jpgHintergrund. Johannesburg ist eine Stadt, um die ich urspruenglich einen grossen Bogen machen wollte – aus Sicherheitsgruenden. Nicht ohne Grund zaehlt diese Stadt zu den gefaehrlichsten der Welt. Aber noch skrupellosere Kriminelle in anderen Laendern (Sao Paulo, Brasilien) haben „Jo-Burg“, wie der Suedafrikaner die Stadt nennt, in den letzten Jahren auf einen „sicheren“ dritten Platz der weltweiten Statistik verdraengt. Seltsamerweise habe ich dort am Ende die meiste Zeit verbracht. Und das aus verschiedenen guten Gruenden.

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norm_11979_mail-54_4.jpgGeschichte. Jo-Burg hat man sich vor rund 140 Jahren ausgedacht, als dort ein paar ausgesprochen glueckliche Leute klumpenweise Gold fanden. Das fand damals ein ganzer Sack voller Menschen derart interessant, dass sie alle ihre Kumpels anriefen, die dort dann auch eine Huette bauten, um Abends in aller Ruhe ihr Edelmetall zu wiegen. So wurde aus den paar hundert ein paar tausend und die Stadt, dessen Namensgeber hoechstwarhscheinlich Johannes hiess, wurde zur groessten des Landes.

Fakten. 1,8 Millionen Einwohner sind es heute offiziell, aber inklusive saemtlicher „Squatter-camps“ in den Vororten, in denen die schwarze Bevoelkerungsmehrheit in winzigen Blechhuetten wohnt, duerften es wohl deutlich mehr sein.

Subjektiv. Johannesburg ist eine sehr schoene Stadt, vor allem, wenn man in der richtigen Gegend wohnt. Und ich kann behaupten, in der richtigen Gegend gewohnt zu haben (Fourways, Randburg, Sandton), was den Aufenthalt nicht nur zum besonderen Erlebnis werden liess, nein, es war sogar sicher!

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norm_11980_mail-54_3.jpgnorm_11980_mail-54_4.jpgErster Eindruck. Faehrt man durch die Auslaeufer der Stadt, faellt schon nach kurzer Zeit auf, das sich das Leben hier hinter Mauern abspielt. Hohe Mauern, Stacheldraht, elektrische Zaeune und das ganze meist in Kombination mit klaeffenden grossen Hunden. Man kann in einem noblen Vorort eigentlich nicht in Ruhe spazieren gehen, ohne von aggressiv bellenden Hunden hinter den Toren der Einfahrten akkustisch zerfleischt zu werden.
Ueberall stehen private Security-Fahrzeuge herum, deren Anwesenheit potenzielle Kriminelle abschrecken sollen. Das Sicherheitspersonal in den Seitenstrassen notiert sich Autokennzeichen und cruist in sheriffmanier auf und ab, um quasi nach dem Rechten zu sehen.

Disneyland. Aber es geht auch anders. Und zwar dann, wenn man in einem der sogenannten Wohnkomplexen lebt. Dann sind ein paar Quadratkilometer wie eine Laendergrenze eingezaeunt, private bewaffnete Bundesgrenzschutz-Einheiten patroullieren Tag und Nacht den hohen elektrischen Zaun, um den Anwohnern die haesslichen Mauern vor ihrem Garten zu ersparen. Endlich kann man die Haeuser mal sehen, die sich sonst hinter den besagten Mauern verbergen. Wie eine Disneylandkopie geht es dort zu, alles ist perfekt, kein Unkraut ist auf den Verkehrsinseln zu sehen, alles ist neu, sauber, unrealistisch. Aber es ist gar nicht so leicht, sich Zugang zu diesen Komplexen zu verschaffen. Selbst wenn man jemanden dort kennt, den man besuchen moechte.

Einreise. Der Vorgang sieht folgendermassen aus: Erst muss man die zu besuchende Person telefonisch informieren. Diese muss einem dann einen Zahlencode per SMS zusenden, den der Besucher am Eingang des Komplexes im Display vorweisen muss. Das ist aber nicht alles. Der Besucher muss ein Dokument unterschreiben, dass seine Handynummer (wird sofort kontrolliert), seinen Namen, den Namen des Bewohners, dessen Telefonnummer und dessen Code beinhaltet. Daraufhin wird der zu besuchende vom Wachdienst angerufen und darueber informiert, dass ein gewisser (Name des Besuchers) um Einlass bittet. Stimmt dieser zu, darf man reinfahren! Das bedeutet in meinem Fall: Ohne Handy kann man bestimmte Freunde nicht besuchen!

Zweiter Eindruck. Den Leuten scheint das alles nicht viel auszumachen, von grosser Angst ist nichts zu spueren, bestimmte Verhaltensregeln zur Sicherheit normal und beim Shopping in einer der zahlreichen Einkaufszentren unterscheidet sich der Johannesburger ueberhaupt nicht mehr vom Europaeer an sich.

Uebertreiben. Wo wir schon vom Shopping sprechen: Mir faellt es nicht schwer zu behaupten, dass es sich bei Johannesburg im Grunde genommen um ein einziges riesiges Shopping-Center handelt, zwischen denen vereinzelt ein paar Menschen wohnen. Die Konzentration dieser Einkaufszentren, die von innen alle blitzeblank sauber und ultramodern sind, scheint in meinen Augen einzigartig zu sein.

Kontraste. Aeusserst stark ist in Johannesburg der Kontrast zwischen arm und reich. Gleich neben den Wohnkomplexen gibt es Squatter-Camps, in denen viele Schwarze in extrem kleinen Blechhuetten wohnen. Und waehrend der Rushhour am Abend, stehen neben den Nobelkarossen der (meist) Weissen 50 Meter lange Schlangen an den Haltestellen der Mini-Busse, die fuer wenig Geld die Schwarzen zurueck in ihre Blechhuette bringen. Weniger kontrastreich sehen dagegen die Haende von John aus Simbabwe und Rick nach dem Schrauben am Ferrari aus.

Flair. Obwohl eigentlich alles gegen ein gewisses Flair dieser Stadt spricht, hat es reichlich davon. Und das scheint in erster Linie an den Leuten zu liegen. Die Menschen sind irgendwie offener, freundlicher als in den anderen Staedten. Irgendwo ist immer was los, es gibt viel Kultur zu sehen, alles sieht irgendwie modern und freundlich aus und das Wetter ist auch immer schoen. Bars und Restaurants sind trotz Top-Niveau bezahlbar und der Jo-Burger an sich macht eigentlich staendig Braai-Partys an seinem Pool, zu denen er stets reichlich Freunde einlaedt. Vermutlich ein wesentlicher Grund, weshalb ich dort so viele Leute kennen gelernt habe.

City. Natuerlich schaut man sich als Reisender in der jeweiligen Stadt, in der man sich befindet, auch die City an. Hier jedoch hat man mich gewarnt. „Fahr da nicht alleine hin! Dort wird Dein Motorrad sofort geklaut! Du darfst auf keinen Fall in der Fussgaengerzone herumlaufen!“ Wie sich einstimmig herausstellt, gibt es keinen Grund mehr fuer den Jo-Burger, die Innenstadt zu besuchen. Alles, was man zum Leben braucht, gibt es auch ausserhalb. Die Innenstadt wird grosszuegig gemieden, da es als Zentrum der Gefahr betrachtet wird. Also bitte ich meinen Freund Chris mit mir im Auto dorthin zu fahren. Der jedoch zoegert und sagt: Lass uns naechste Woche dorthin fahren, dann bekomme ich mein schusssicheres Auto ausgeliefert! Eine Woche spaeter cruisen wir die Strassen auf und ab und in der Tat sieht man dort keine Weissen herumlaufen. Viele grosse Gebaeude stehen leer, viele sind vorm Verfall bedroht.
Obwohl die Nebenstrassen nicht fieser als in Maputo oder Mombasa aussehen, warnt man mich, dass es hier am gefaehrlichsten ist. Bin mal gespannt, was sich hier in Zukunft aendern wird, wenn im Jahr 2008 die Olympischen Spiele kommen…

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norm_11983_mail-54_3.jpgSicherheit. Die ist in der Tat ein Problem fuer die Anwohner, weshalb es einige Dinge gibt, die man abweichend vom Leben in Deutschland einfach nicht macht. So geht man zum Beispiel im Dunkeln nicht spazieren, vermeidet Besuche des Zentrums, das Auto ist beim Fahren immer verschlossen und den Anweisungen des bewaffneten Ueberfall-Personals ist ohne Diskussion folge zu leisten, da sofort geschossen, aber nicht verhandelt wird. Da passt es natuerlich perfekt ins Bild, dass ich nach einem Bar-Besuch von „Jimmy“ zum Besuch seiner Waffenfabrik der Marke „X-Cal“ eingeladen werde.

Ecken. Christopher zeigt mir innerhalb von zwei Wochen fast alle „Ecken“ von Johannesburg. Es ist erstaunlich, wie abwechslungsreich und gepflegt es in dieser grossen Stadt zugeht. Alleine haette ich die meisten dieser Plaetze nicht entdeckt und bin daher fuer seine „Tourguide“ Einsaetze sehr dankbar. Erstaunt war ich auch, als ich das erste Mal „Monte Casino“ betrat. Monatelang bin ich dort – obwohl ich fast daneben gewohnt habe – nicht reingegangen, da ich es fuer ein reines Casino hielt. Aber dann erzaehlte mir Chris von der „italienischen Stadt“.

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Toskana. Kaum zu glauben, aber Monte Casino ist wie ein kleines Dorf in der Toskana. Echte Gebaeude und echte Restaurants, Kinos, Buchhandlungen – nur der blaue Himmel ist gemalt! Und der sieht verdammt echt aus. Zwischen den engen Gassen, die mit Bars und kleinen Geschaeften gefuellt sind, haengen Waescheleinen mit Klamotten zum Trocken – und die werden aus realistischen Gruenden regelmaessig gewechselt! Kleine alte Fiats mit Kennzeichen aus Sienna parken hier und da, Baeume, Tiere, Fassaden: alles wirkt echt und das ganze wurde von einem Heer italienischer Handwerker gebaut. Und gleich nebenan wohnen Menschen, die noch nie von der Toskana gehoert haben und sich auch nicht vorstellen koennen, dass es solche Doerfer in echt gibt, da sie gerade mehr mit dem Ueberleben beschaeftigt sind, wobei wir wieder beim Thema Kontraste sind.

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Unvermutet. Aus den geplanten paar Wochen in Johannesburg sind insgesamt viele Monate geworden, in denen ich statt auf Gefahr ausschliesslich auf freundliche, nette Menschen traf. Rick und Margie haben mir gleich nach der Ankunft klar gemacht, dass Johannesburg meine Basis in Suedafrika ist und ihr Haus mein Zuhause ist! Der beste Beweis, dass Statistiken einen falschen Eindruck erwecken koennen. Man sollte sich also nicht immer von dem Gerede der Leute, „oder was man so liest“, vollkommen beeindrucken lassen.

Verrueckt. Es gibt ein Geruecht, dass besagt, dass die freundlichsten Menschen des Landes aus Johannesburg kommen. Man wohnt natuerlich in Kapstadt, aber gearbeitet wird in Jo-Burg. Obwohl Kapstadt in der Tat wesentlich schoener aussieht, koennte ich mir ein Leben in Johannesburg durchaus vorstellen. Trotz der Gefahr der hohen Kriminalitaet. Vielleicht ist es auch der europaeische Einfluss, der mich hier – im Gegensatz zu den anderen Staedten des Kontinents – an Zuhause erinnert und mir deshalb nicht alles fremd vorkommt. Sieht man mal vom „Car-Jacking“ ab, bei dem einen tagsueber an der Ampel wartend das Auto unter vorgehaltener Waffe geklaut wird! Vom „Moped-Jacking“ dagegen hab ich noch nichts gehoert, na dann bin ich ja auf der sicheren Seite.

„JHB“, eine Stadt in der alles passieren kann, aber nicht muss!

Normen

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Mail 53

Samstag, 28. Oktober 2006

Normens Weltreise 53 – Jy praat kak!
Mail vom 09. Nov. 2005

icon.jpgWie konnte ich ahnen, dass ich in Maputo auf ein Rudel „wilder“ Sued Afrikaner treffen wuerde, die so richtig auf klassische Weise dem typischen „Boer“ entsprechen, Afrikaans als erste Sprache sprechen, stereotypisch so aussehen, Saufen wie die Wikinger und auch noch rassistische Zuege haben?

Willkommen zu Manies Grundkurs: Rassismus fuer Anfaenger!

Da ich ein Weisser bin, habe ich die Aufnahmepruefung bereits bestanden, doch bis zur bestandenen Pruefung ist es noch ein weiter Weg. Doch Manie ist sich sicher, dass ich innerhalb einer Woche „verstehen“ werde und bereit zur Pruefung bin. Los geht es mit den Grundlagen:

Der Schwarze an sich ist ein schlechter Mensch, wird daher abfaellig „Kaffer“ genannt, was man sich als die „Nigger“-Variante aus den USA vorstellen kann. Ein Wort, dass man niemals irgendwo im suedlichen Afrika aussprechen sollte, da es einen in erhebliche Schwierigkeiten bringen kann. Da sich Manie jedoch keiner Schuld bewusst ist, ruft er es staendig laut aus seinem grossen Hals heraus.

Frueher war alles besser. Jawohl, damals, als in Sued Afrika noch Apartheid herrschte, ja da ging alles noch geordnet und friedlich zu. Heute, wo die Schwarzen machen koennen was sie wollen, da ist Schluss mit lustig, guten Manieren und einfachem Reichtum. Die Kolonialisierung Mosambiks durch die Portugiesen hatte ausschliesslich positive Effekte – so versichert er mir – was man auf den Strassen eindeutig nachvollziehen kann: frueher war alles prunkvoll, jetzt ist alles kaputt, die Gebaeude vom Verfall bedroht und der Dreck tuermt sich meterhoch. Von Ausbeuterei seitens der Europaeer will er nichts hoeren, das sei alles Luege, die haetten nur Gutes gebracht.

Ja ja, erwidere ich, zu Kaiser Wilhelm’s Zeiten war bei uns auch alles besser: Die Steuern waren erschreckend niedrig, Staus waren unbekannt, es gab weder Arbeitslose noch Gewerkschaften, die CSU dachte noch nicht mal daran, sich selbst zu gruenden und Ideen zu Hartz IV hielt man fuer Science Fiction.

Der Kaffer ist schuld. „Er“ ist verantwortlich fuer schlechte Strassen, korrupte Politiker und steigende Preise auf dem Markt. Interessant ist, dass alle meine Hinweise, dass es in Deutschland keine schwarze Bevoelkerungsmehrheit haben (wir reden hier nicht von der CDU) und es dennoch schlechte Strassen, korrupte Politiker und steigende Preise auf dem Markt gibt, unkommentiert bleiben – trotz Weisser, die dort alles regeln.

In Europa sei das anders, hier in Afrika ist und bleibt der Kaffer schuld: Stau, aaaarrrrgggghhhh, da muessen die Kaffer mal wieder mist gebaut haben, wenn irre Autofahrer im Zickzack durch den Verkehr sausen, dann sind alle Kaffer verrueckt geworden, wie mir Manie versucht klar zu machen. Auch da versuch ich ihn mit Beispielen aus Deutschland zu beruhigen: Verrueckte auf Deutschlands Autobahnen? Reichlich, die fahren sogar S-Klasse und sind WEISS! Irre Ueberholmanoever in der City? Staendig, die nennt man bei uns Idioten, sind weit verbreitet und – Du wirst es nicht glauben – WEISS!

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norm_11973_mail-53_2hoch.jpgDie Guten Zeiten hochleben lassen. Das kann man am besten in melancholischer Stimmung am Abend, wenn die Abendsonne den Himmel in den dollsten Farben erleuchtet. Um aber der besagten Stimmung ein wenig auf die Spruenge zu helfen, falls mal gerade nicht die Sonne nach Plan untergehen will oder es noch zu frueh oder im Ausnahmefall zu spaet ist, ja dann gibt es ja immer noch Alkohol. Da „Saufen“ Manies bester Freund ist, und seine gleichgesinnten Nachbarn ebenfalls an Melancholie in fluessiger Form interessiert sind, treffen sie sich jeden Abend auf Manies Terasse seines Bauwagens.

„Normen, Klippie?“ lautet die gaengigste Frage meines Unterrichtes. Na ja, einen kann ich ja mal probieren und bekomme ein Glas mit einem Drittel „Klipdrift“ Brandy, zwei Dritteln Cola und eine handvoll Eis. Waehrend mir ein Glas des mir fies schmeckenden Gesoeffs reicht, bereitet sich Manie fuer den Abend vor: Eine Kuehltruhe voll Eis, einen Kasten Cola, zwei Flaschen Klipdrift – fuer ihn alleine. Jeden Tag! Das ist natuerlich gelogen. Am heiligen Sonntag fastet er und trinkt nur Cola, schliesslich genoss er eine katholische Erziehung. Und waehrend man die Klippies mit Coke ununterbrochen einschenkt, der Abend sich zur Nacht wandelt, faengt Manie an, den Elektro-Grill anzuschalten und legt Fleisch auf den Grill. Am liebsten „Boerewors“, seine lieblings grobgehakte Bauernwurst. Dazu macht er „Papp“, was in etwa so schmeckt wie es klingt. Interesannterweise ist Papp die suedafrikanische Fassung von „Ugali“, dem gekochten Maismehl, mit dem sich halb (Schwarz-) Afrika zu ernaehren scheint. [siehe Mail 28, Bild 2989].

Als Sosse gibt es braunen Zucker und Butter. Das muss reichen. Manchmal jedoch isst Manie gar nichts, obwohl er stundenlang vor dem Grill sass. Manchmal geniesst er nur die Flammen des Feuers, dass die gluehenden Elektrostaebe beim Verbrennen des austropfendes Fettes entzuenden. Manchmal verzichtet er dann auf eine Mahlzeit und konzentriert sich darauf, die zweite Flashe Klipdrift zu leeren, bevor er dann um ein Uhr nachts ins Bett geht.

Die Nachbarn trinken uebrings „nur“ eine Flasche pro Tag, andere teilen sich gar einen Liter. Ein Gemeinsamkeit haben sie aber: sie hoeren gerne CD’s von Eugene Terreblanche’s Reden, einem rechtsextremen Vorzeige-Rassisten, Apartheid Befuerworter und zielgruppengerechter Mini-Hitler. „Normen, you must listen carfully, it’s a good man!“, bekomme ich gesagt. Im selben Atemzug lerne ich, dass auch Hitler ein guter Mann war – diskutieren zwecklos!

Jy moenie kak praat nie! – „Red nicht so eine Scheisse“, bruellt Manie immer haeufiger. Je spaeter der Abend wird, desto mehr geifern sich die Anwesenden an. Amtssprache dieser Kolonie ist natuerlich Afrikaans, dass die Boeren (man spricht es wie „Buhren“ aus und bedeutet Bauer) im Laufe ihrer Besiedlungsgeschichte entwickelten und dabei das originale hollaendisch verstuemmelten. Manie, der seit 25 Jahren Klipdrift trinkt und theoretisch gar keine Leber mehr haben duerfte, kann man seinen Alkoholpegel nicht ansehen. Nur die Haeufigkeit, mit der er „Jy praat kak“ seinem Gegenueber zuruft, steigt proportional mit dem Promillegehalt.

Versprochen ist versprochen. „Manie“, der laut Ausweis Hermanus mit Vornamen heisst, hat mich mehr als nur einmal darauf hingewiesen, das ich etwas Bestimmtes auf keinen Fall vergessen darf: „You must tell your people that I’m a rassist!“ und er strahlt dabei, als bekomme er in Deutschland dafuer eine Auszeichnung. Und damit steht fest, dass ich niemanden zum Rassisten denunziert habe, nein, das macht Manie schon selber. Na, da bin ich ja fein aus dem Schneider!

Wir fassen zusammen: Als Schueler in Manies kleinem rassistischem Ausbildungslager habe ich in voller Linie versagt. Noch immer sind Manies schwarze Angestellte meine Freunde, Antonio, Manies schwarzer LKW-Fahrer, darf wie ueblich mit mir am selben Tisch essen, bis heute mag ich keinen Brandy mit Coke und eine Abneigung gegen bestimmte Menschen mit anderer Hautfarbe habe ich ebenfalls nicht entwickelt. Man kann sagen, dass ich das Klassenziel nicht erreicht habe. Versetzt werde ich nach Sued Afrika, dass laut Manie „kak“ ist (shit), da Schwarze dort Rechte haetten. Das ist in der Tat kaum auszuhalten und vermutlich der Grund, weshalb sich diese Zielgruppe nach Mosambik abgesetzt hat…

Als ich spaeter Freunden in Johannesburg von meinen Erlebnissen mit Manie berichte, erklaert mir Rick: „Wow, Du hast regelrecht im Herzen der Klipdrift-Society gelebt! Es handelt sich bei diesen speziellen Boeren um einen recht interessanten „Stamm“ – sehr unterhaltsam! Betrachte Deinen Aufenthalt bei den „weissen Kaffern“ als Teil deiner afrikanischen Bildung!“.

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norm_11975_mail-53_2hoch.jpgDoch zurueck nach Mosambik. Ich mache mich auf den Weg nach Sueden, um entlang der Kueste die Grenze nach Sued Afrika bei Kosi-Bay zu passieren. Das schoene ist, dass es auf den letzten hundert Kilometern angeblich keine Strassen gibt und reine Sandpisten auf mich warten. Der Haken allerdings ist, dass meine Reifen fast blank sind, aber ein paar Herausforderungen tun mir ja immer ganz gut. Zunaechst gilt es jedoch die Faehre zu finden, die einen ueber den riesigen Tembe-Fluss in der Hafeneinfahrt bringt. Gefunden ist die Faehre schnell, nur die Beladung dauert etwas. Versucht wird naemlich, das unmoegliche moeglich zu machen. Und wie es in Afrika so ueblich ist, gelingt es ihnen am Ende auch. Es stehen irgendwie mehr Autos und LKW auf dem Deck, als eigentlich draufpassen, jeder Quadratmeter wurde so genutzt, so dass an ein Rangieren nicht mehr zu denken ist. Als Europaaer lernt man mal wieder, dass mit gutem Willen allein logistische Meisterleistungen moeglich sind und dass ueberladene Schiffe trotzdem schwimmen.

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norm_11975_mail-53_4.jpgHarter Boden erwartet mich an der Suedkueste. Das ist nicht nur praktisch fuer abgenutzte Reifen, sondern bringt mich auf flott voran. Da das Blau des indischen Ozeans so unverschaemt schoen leuchtet, nutze ich die Gelegenheit und geh noch mal eine Runde im warmen Wasser schwimmen, da es ab jetzt jeden Kilometer weiter suedlich spuerbar kaelter wird.

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Klassisch afrikanisch sieht die Gegend aus und steiniger Boden, rote Erde, harter Sand sowie weicher Sand wechseln sich nach und nach ab. Faszinierenderweise nimmt die Schoenheit der Landschaft je weiter suedlich ich komme zu und im gleichen Verhaeltnis waechst der Schwierigkeitsgrad, die vollbeladene Ténéré im immer weicheren Sand auf Kurs zu halten. Per GPS steuere ich die Grenze zu Sued Afrika an, da ich mir bei den zahlreichen sandigen Wegen nicht mehr sicher bin, ob ich noch auf dem richtigen Kurs bin. „Noch 500 Meter bis zum Ziel“ – steht im Display des GPS zu lesen. Ich bezweifel die Aussage, da noch immer keine Schilder oder gar eine Strasse zu sehen sind. Stattdessen habe ich mit tiefen Spurrillen im weichen Sand auf extrem engen Wegen zu kaempfen.

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Noch 100 Meter, man kann durch die Baume und Straeucher nichts erkennen. Noch 50 Meter, jawohl, da ist was. Der Sand wird noch weicher, die XTZ kaempft sich mit durchdrehendem Hinterrad, hoher Drehzahl und Zuhilfenahme meiner Beinkraft bis auf fuenf Meter vor die Grenzhuette. Erst dort rolle ich auf Pflastersteinen zum Zoll. Auf suedafrikanischer Seite beginnt dagegen eine langweilige topfebene Teerstrasse. Wie langweilig aber praktisch, denke ich mir, doch lang waehrt meine Freude nicht, da mir der Zoellner kein neues Visum gibt. Mein altes sei noch vier Tage in Suedafrika gueltig, da koenne er nichts machen. Natuerlich koennte er, aber er will nicht! 110 Euro kostet eine Verlaengerung eines bestehenden Visums, sollte man sich im Land befinden.

Daher entschliesse ich mich nach ein paar Tagen wieder auszureisen: nochmal nach Swaziland, da es das naechstgelegene Nachbarland ist. Dort verbringe ich den letzten Tag meines Sued Afrika-Visums und mach mich mit abgelaufenden Visum am naechsten Morgen zur Grenzstation auf: Der Zoellner kontrolliert meinen Pass und sagt: „Hey, Ihr Visum ist abgelaufen, Moment mal, hier haben Sie ein neues!“ und klebt mir gratis einen weiteren kleinen blauen Aufkleber in den Reisepass. So einfach kann das gehen.

Darauf geh ich jetzt einen Klippie trinken,

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Mail 52

Samstag, 28. Oktober 2006

Normens Weltreise 52 – Klingt komisch, is aber so
Mail vom 26. Sept. 2005

icon.jpgDer grosse Traum vom Leben auf der einsamen Insel. Wer hatte ihn nicht schonmal im Kopf und wuerde ihn beim naechsten Sechser im Lotto einfach umsetzen. Seit fuenf Tagen schaue ich mir auf Maccaneta-Island in Mosambik an, wie das so ist. Nicht wirklich freiwillig. Ein befreundeter Rassist hat mich gebeten, den neuen Pool zu waessern und mir versprochen, mich am naechsten Morgen abzuholen. Ich koenne in der Huette schlafen und etwas zu essen muesse dort auch zu finden sein. Das war vor knapp einer Woche, also heisst die Parole: flexibel bleiben!

Der Cheffe ist gegen Mittag des fuenften Tages immer noch nicht da. So langsam mache ich mir Sorgen, ob „Manie“ ueberhaupt nochmal zurueck kommt. Kann ja sein dass er „Durchgebrannt“ ist und kein Bock mehr auf Mosambik hat. Vielleicht ist er aber auch blos im Knast, weil er die oertlichen Polizisten nicht bestechen wollte oder hat mich einfach vergessen. Kann ja sein. Ist ja auch OK, aber sollte mich nicht irgendwer informieren? Egal, irgendwie werde ich hier schon ueberleben, denn schliesslich finde ich jeden Tag auf’s neue gewisse Nahrungsmittelrestbestaende im Haeuschen.

Ach ja, ich lebe in einer Art Naturhuette mit allem erdenklichen Komfort: Kuehlschrank, Gasherd, Fernseher, DVD-Player und Stereoanlage. Doch bis auf den Gasherd hab ich davon nix, da kein Strom die Steckdosen versorgt. 200 Meter von hier hab ich einen massiven Diesel-Generator in einer Huette entdeckt, der mir so gross erscheint, als koenne er die MS „Queen Elisabeth“ antreiben. Wie um Himmels Willen Starte ich so ein Monster? Doch waehrend ich mich nach Schaltern, Kurbeln und gigantischen Batterien zum Starten umschaue geht mir was noch viel wichtigeres durch den Kopf: Wie stoppe ich den Saurier, wenn er erst einmal laeuft?

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Ich bin allein auf der Insel. Nicht physisch, mehr mental. Zumindest jedoch kulturell, da ich der einzige Weisse bin. Mein Tag beginnt am fruehen Morgen. Ist doch klar, es ist frueh dunkel, nix haelt einen Wach, da fallen einem die Augen beim Lesen schon um 21 Uhr zu. Die 80 Meter zum Strand nehme ich zum Anlass, einen auf sportlich zu machen, jogge zum Indischen Ozean, renne geradewegs in das warme Wasser, schwimme ein paar hundert Meter und laufe wie ein Boxer auf Kampfvorbereitung zurueck zur Huette.

Praktischerweise gibt es eine gasbetriebene warme Dusche in einer Blechbaracke, und so kann der Tag so richtig schoen beginnen. Doch dazu bedarf es ein anstaendiges Fruehstueck. Und da stellt sich das erste Problem ein: Der Kuehlschrank, der ja nicht gekuehlt wird, beherbergt bereits ein paar Lebewesen, von deren Existenz ich bisher nichts wusste. Frischkaese, Dips und Milchprodukte: Yammi, doch ganze Kulturen schauen mich an, als plane Peter Lustig eine Loewenzahn-Sonderfolge „Evolution im Hobbykeller“. Eine Entsorgung scheint unvermeidbar. Ich entdecke einen Schrank mit Konserven. Alles erinnert mich irgendwie an die Produkte, die ich bisher in Afrika im Busch aus Mangeln an Alternativen essen musste: Baked Beans, Mais und Ananas-Scheiben. Hhhmmm, kann man das kombinieren?

Klasse ist ja, wenn man was zu lesen dabei hat. Dann hat man was zu tun und hat stets den Eindruck, man mache was sinnvolles. Wahlweise setzt man sich auf die Veranda oder geniesst am spaeten Nachmittag ein paar Stunden am Strand – ohne sich einer Sonnenbrandgefahr aussetzten zu muessen.

norm_10655_mail-52_1.jpgKlingt bisher ja gar nicht sooooo schlecht. Aber es handelt sich bisher ja auch nur um Tag eins mit der Gewissheit, dass mich mein befreundeter Rassist „Manie“ morgen wie vereinbart abholen will. Aber das macht er ja nicht, wie schon im Vorspann zu lesen war. Daher mache ich an Tag zwei nichts anderes, als meine sportlichen Aktivitaeten zu wiederholen und beende das mitgebrachte Buch. Konserven Eintopf am Abend runden die Sache ab. Sagen wir mal so, zumindest hab ich keinen Hunger mehr. Der dritte Tag beginnt und sieht aus wie die ersten beiden Tage, von Abwechslung kann man nicht wirklich sprechen. Irgendwie bin ich mir sicher, dass Manie heute kommt, was jedoch nicht rationalen Gruenden unterliegt, sondern scheinbar meiner Erwartungshaltung entspricht. Tag vier beginnt und ich beginne umzudenken. Warum soll ich mich aufregen ueber jemanden, der mich auf einer Insel absetzt und nicht zurueckkommt? Bringt natuerlich nichts und daher sollte ich die Zeit einfach geniessen.

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norm_10655_mail-52_4.jpgUnd das mache ich mit ausgepraegten Wanderungen. Stundenlang unbekanntes Gebiet erkunden, seltsame Pflanzen betrachten, die aussehen, als haette jemand eine musterverzierte gigantische Karotte im Ananas-Format in eine Bodenpalme gesteckt. Was auch immer das ist, ich werde es nicht essen. Ach ja, Begleitung habe ich auch gefunden. Oder anders herum. „Dog“ bleibt die ganze Zeit bei mir, ist von irgendwoher gekommen und macht einen auf anhaenglich. Guckt aber niedlich, bellt nicht und darf daher bleiben. Den Pool waesser ich auch noch gelegentlich, aber nicht mehr so richtig ernsthaft, da Manie ja nur von einem Abend gesprochen hat und weitere Anweisungen fehlen. Traditionell setzte ich mich am Abend auf die Duenen und geniesse den Sonnenuntergang. Was soll ich auch sonst machen, ausser die mosambikische Bierflaschen-Collection aus dem Regal in sentimentaler Stimmung zu leeren. Ausserdem bin ich Millionaer. Dumm ist nur, dass es hier keinen Shop gibt, wo ich die Kohle loswerden koennte. Nur der Typ mit dem Mr. Bean T-Shirt hat mir ein paar Tausend fuer die Fahere abgeknoepft. Eine Millionen Meticas habe ich in der Tasche, was vielleicht nicht wirklich viel ist, sich aber dennoch schoen anhoert. Wie lange ich das wohl noch geniessen kann?
(siehe Fotos 10655,10658)

Seltsam ist, dass die Ungewissheit meiner Meinung nach der einzige Faktor ist, weshalb man sich an solch idyllischen Orten unwohl fuehlt. Erst wenn man dieses Gefuehl „ablegt“, empfindet man die Sache als interessant. Zumindest ist das bei mir so. Ich akzeptiere also meine unfreiwillige Situation und betrachte sie als Teil eines Abenteuers, das man nicht planen konnte und auch nicht das selbe waere, haette ich im Voraus gewusst, dass ich hier so lange bleiben werde.

Wie also beginnt man, die Einsame-Insel-Situation als positiv zu betrachten? Richtig, man geht in Gedanken durch saemtliche Erinnerungen an Einsame-Insel-Survival-Filme und vergleicht deren Situationen mit der eigenen. Und siehe da: Meine Lage ist ja geradezu laecherlich. Ich muss weder Wuermer essen, Tiere jagen oder Regenwasser sammeln, nein, ich ernaehre mich von Kuehlschrank Restbestaenden, Konserven und Spaghetti ohne Sosse. Sogenannte Freunde von mir und solche, die vorgeben mich zu kennen, werden jetzt vielleicht denken, dass ich doch Zuhause nix anderes esse und daher die Sache fuer mich ueberhaupt kein Problem darstellen duerfte. Und vielleicht haben sie damit auch nicht ganz Unrecht.

Dennoch entschliesse ich mich fuer frischen Fisch. Den gibt’s natuerlich frueh am Morgen, wenn die einheimischen Fischer in meiner Tiefschlafphase ihre Boote nach der Arbeit an den Strand zerren. Was tut man nicht alles fuer einen extrem frischen Fischstaebchen-Bausatz. Ich steh dafuer jedenfalls mitten in der Nacht auf (5:30).

Der Plan geht auf, der fuenfte Tag faengt unverschaemt frueh an und nur wenig spaeter kaufe ich den Spezialisten am Strand fuer ein paar tausend Meticas (ist nicht viel) einen Batzen Fisch ab, lasse mir ihn noch am Strand ausnehmen, damit ich selbst mit der Sauerei in der Kueche nichts zu tun habe. Hhhhmmmmm, gebratener Fisch pur mit leckeren Gewuerzen ist schon eine feine Sache. Gluecklicherweise ist das eine schier unerschoepfliche Nahrungsquelle, was mein Dasein hier erneut vereinfacht (verglichen mit den Freaks die nach einigen einsamen Insel-Jahren mit einem Volleyball sprechen).

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Und dann sind da noch die Dinge, die man sonst so macht, wenn man nichts anderes zu tun hat. So dachte ich mir, machste doch einfach mal ein paar Fotos. Die mach ich zwar grundsaetzlich sowieso, dachte mir aber, dass ich irgendwie „kreativer“ sein muesste, wenn man schon an exotischen Orten feststeckt. Nur so ist zu erklaeren, dass ich mir einbildete, dass Spruenge in die Luft am Strand eine wahnsinnige Idee sei, was ich jedoch noch toppen konnte mit Fotos, die in der Brandung ohne wasserdichtes Gehaeuse entstanden. Wellen aus naechster Naehe fotografieren, dort wo man sich normalerweise auf ein Surfboard stellt. Normalerweise wuerd ich ja aus Angst die Kamera zu zerstoeren solche Experimente gar nicht erst wagen, aber das zeigt erneut, dass man schon seltsame Dinge macht, wenn man versucht seinen unbestimmten Inselaufenthalt „sinnvoll“ zu nutzen (siehe Fotos 10656, 10659).

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Der Nachmittag von Tag fuenf bringt erneut eine Ueberraschung: Manie ist zurueck! Er berichtet, dass er „kurz“ nach Sued Afrika musste, daher hat er mich nicht mehr abgeholt. „Was, Du faehrst mal eben fuer ein paar Tage nach Nelspruit (Sued Afrika) waehrend ich hier alleine auf der Insel verrotte?“ – so meine nicht ganz ernst gemeinte Reaktion. „Klar“, erwidert Manie, glaubte er sich doch sicher zu sein, dass ich damit schon klar kommen wuerde, schliesslich muesste man als Weltreisender doch flexibel sein. Und waehrend er sich keiner Schuld bewusst ist, keinen Funken von schlechtem Gewissen zeigt, noch nicht einmal was zu essen mitgebracht hat, fragt er mich ganz nebenlaeufig, ob ich noch eine Nachte bleiben koenne, den Pool waessern, er wuerde mich auch Morgen frueh ganz sicher abholen!

Ich habe nicht lange gezoegert und zugestimmt. Klingt komisch, is aber so!

Normen

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