Mail 57
Samstag, 28. Oktober 2006Normens Weltreise 57 – Garth’ Garten-Urlaub
Mail vom 6. Mai 2006
Wir sprechen hier von 410 Hektar. Das bedeutet reichlich Platz und Abwechslung. Es gibt sogar einen Wasserfall, einen See, acht Kilometer Fluss und unglaubliche Endurostrecken. Schluchten unterschiedlicher Groesse sind zu finden, dichte Waelder und offene Felder. Tiere gibt es auch: zahlreiche Springboecke, diverse Greifvoegel, Wildschweine und Affenherden.



Gut, denkt da der Stadtmensch, ein kleiner Nationalpark oder ein Naturschutzgebiet hat so was nun mal, was soll daran so besonders sein? Nun, wie soll ich es sagen, es ist quasi der Garten von Garth, oder passender, die Farm eines Freundes mit Namen „Wonderdraai“. Und wo auf diesem Planeten hat man einen solchen Garten? In KwaZulu-Natal. Wo zum Teufel liegt KwaZulu-Natal? Im Osten von Suedafrika, unweit der Grenze von Lesotho. Genauer gesagt in der Naehe von Newcastle.
Um es auf den Punkt zu bringen: ich bin neidisch. Mein plumper Versuch, meinen Neid ueber ein solches Anwesen zu vertuschen, endet in folgendem Satz: „Ja, das ist ja ganz nett, aber dafuer wohnst Du hier auch am Arsch der Welt!“. Innerlich aber will ich auch so was in meinem Garen haben, und bin dafuer gerne bereit, ebenfalls am Arsch zu wohnen, sollte ich anschliessend Wasserfall, See, Schluchten und den Gratis-Zoo bekommen.
Es ist das dritte Mal, dass ich bei Garth und seiner Familie innerhalb der letzten sieben Monate vorbeischaue. Urlaub im Garten steht wieder einmal auf dem Programm – wegen des grossen Erfolgs zuvor. Zwei Tage vorher kuendige ich meinen Besuch an, doch obwohl Garth mir mitteilt, dass niemand Zuhause bei meiner geplanten Ankunft Zuhause sein wird, soll ich meine Plaene nicht aendern: „Du weißt wo wir wohnen, Du weißt wie Du zum Hintertor kommst und wie es aufgeht, die fuenf Hunde kennen Dich auch und das Gaestehaus fuer Dich ist offen – wir sehen uns dann am Folgetag zum Fruehstueck, abgemacht!“.



Es geht doch. Kenne ich von Zuhause gar nicht, Gaeste zu empfangen, selbst wenn man selber nicht da ist. Also einfach mal als Anregung in Erinnerung behalten. Doch zurueck zu meinem Garten-Urlaub. Es gibt soviel zu entdecken, dass man Wochen hier verbringen muesste, um alles mal zu sehen. Aber selbst von den zahlreichen Aktivitaeten abgesehen, die man hier unternehmen koennte, geniesse ich ebenso die Stunden, die ich alleine am Fluss sitze und lese. Ein besseres, friedlicheres Fleckchen Erde zum Entspannen scheint nicht zu existieren.
Aber im Urlaub liest man ja nicht nur, nein, man geht ja auch Baden und Wandern. Und der eine oder andere geht sogar Endurofahren. Und fuer diesen Fall hat Garth vorgesorgt: einige Zweitakter stehen in der Garage fuer den schwierigen Kurs bereit, alles andere nimmt er mit einem Viertakter unter die Raeder.
Und wie es der Zufall will, bietet er mir eine Yamaha IT 200 an, ein Zweitakter, der in Deutschland nie verkauft wurde, aeusserst selten ist und ich ebenso zufaellig daheim besitze. So muss ich mich bei diesem Ausflug noch nicht einmal an ein neues Fahrzeug gewoehnen. Spaeter steige ich auf meine Ténéré um, da wir nicht nur auf seiner, sondern auch auf der Farm seines Nachbarn unterwegs sind.



Garth macht seinen Tank noch mal voll und wir fahren los. Zum Wasserfall, der nur knapp einen Kilometer von seinem Haus entfernt ist. Ich bin ueberrascht, wie flott Garth am Gashahn seiner Enduro dreht. Es scheint, als habe er nichts verlernt, was er sich vor rund 15 Jahren antrainiert hat. Rennen ist er gefahren. Nicht irgendwelche, nur eines: Die Roof-of-Africa in Lesotho (siehe Mail 45). Dort hat er, der gelernte Jaeger und Bauunternehmer, zwei Mal teilgenommen und zwei Mal das Ziel erreicht, was unter Insidern schon als Hausnummer gilt. Denn nur ein Bruchteil des riesigen Starterfeldes erreicht ueberhaupt das Ziel beim haertesten Endurorennen der Welt.
Alleine schon der Wasserfall und der See davor wuerden eine Attraktion darstellen. Dort haben seine beiden Kinder Schwimmen gelernt, spaeter sogar das Springen von einem fuenf Meter hohen Felsen. Ein Grillplatz aus Fluss-Steinen ist vorhanden, sonst ist alles Naturbelassen. Ein kleiner Campingplatz waere hier perfekt. Es geht weiter. Immer wieder halten wir an besonders schoenen Stellen an und Garth erzaehlt mir von seinen Plaenen. Endurotouren moechte er anbieten. Nicht nur in seinem Garten, sondern bis nach Lesotho und Umgebung. Darueber hinaus sollen hier in Zukunft vereinzelt kleine Bungalows entstehen, damit auch andere Menschen sein Naturparadies geniessen koennen. Touristen in den eigenen Garten holen – das hoere ich zum ersten Mal.




Auch Safaris fuer professionelle Jaeger sollen weiter ausgebaut werden. Schon jetzt kommen jedes Jahr eine Hand voll „Hunter“ aus aller Welt, bald muessten sie nicht mehr ins Hotel und koennen stattdessen auf seiner Natur-Farm bleiben – was die Kosten reduziert und die Attraktivitaet steigert. Auch Wanderer, oder auf Neudeutsch „Hiker“, waeren dann willkommen: mit geeigneten Karten koennten sie tagelang durch unberuehrte Natur streifen, in diversen Schluchten klettern, oder einfach nur ein Lagerfeuer am Flussufer geniessen – in absoluter Stille, weit weg von hektischem Verkehr, laermenden Staedten oder nervenden Satelliten-Fernseh-Programmen.
Alle paar Kilometer aendert sich die Szenerie. Vom Flussverlauf abzweigend, fahren wir durch eine Schlucht, die durch den Schattenwurf der Felswand und den dichten Wald fast schon unheimlich wirkt. Fahren ist vielleicht uebertrieben, da wir uns jeden Meter erkaempfen muessen. Mit der Ténéré waere ich gar nicht erst so weit gekommen. Ich erlebe hautnah, das auch anspruchsvolle Endurofahrer in Garth’ Garten auf ihre Kosten kommen werden – und wer kann das schon von seinem Garten daheim behaupten?
Als waere das nicht genug, zeigt Garth mir am Nachmittag ein weiteres Highlight, wenn auch ein rein nostalgisches: Einen 74er Toyota LandCruiser im Top-Zustand. Dieser Klassiker, und unter Kennern zweifellos einer der besten Gelaendewagen aller Zeiten, soll auf seine alten Tage noch lange nicht zum Museumsstueck mutieren. Zum einen erreichen damit Klienten das gewuenschte Jagdrevier, zum anderen – und das ist eine weitere Idee – koennen Anfaenger in Wochenendkursen das Fahren im Gelaende erlernen. Puristisch, ohne elektronische Hilfen, dafuer mit allem, was die Natur hergibt: Steilauf- und abfahrten, Flussbettdurchquerungen, Sandpassagen und sonstige Herausforderungen. Ich buche sofort und bekomme bis zum Sonnenuntergang meine ersten beiden Lehrstunden.




Nach knapp einer Woche verabschiede ich mich, da mein Schiff nach Argentinien in einem Monat auslaeuft und nicht wartet. Sonst wuerd ich wohl fuer immer bleiben, zumal mir Familie Brent so vertraut vorkommt, als wuerden wir uns schon seit zehn Jahren kennen. Als ich die Wonderdraai-Farm vollbeladen wieder verlasse weiss ich, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich hier war und schwelge in Gedanken, wie man wohl in Deutschland an so an Anwesen kommt.
Sicher, man koennte einfach eins kaufen, das zumindest Teile der oben genannten Elemente enthaelt. Allerdings duerfte das dann auch mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Hier dagegen kostet das ganze in etwa den Gegenwert eines neuen LandCruisers, inklusive Haus und Gaeste-Bungalow! Mir bleibt also nicht viel Wahl: Wenn ich so was eines Tages auch mal haben will, muss ich nach Suedafrika ziehen, da ohne einen fetten Lottogewinn derartige Anwesen in Deutschland nicht bezahlbar sind.
Es sei denn, man hat Glueck und findet in gewissen Immobilien-Zeitungen oder bei Ebay in der Rubrik: „Haeuser mit Fluss, Wasserfall, See und nationalparkaehnlichem Grundstueck BIS 30.000 Euro“ ein derartiges Schnaepchen. Sollte jemand sowas entdecken, bitte Bescheid sagen, ich kaufe sofort und werde dann auch „Normens Garten-Urlaub“ anbieten – versprochen!
Normen




Sag mal, hast Du dem gesagt, dass Du keine Ahnung hast? Eine berechtigte Frage meines Vaters am Telefon, als ich ihm mitteilte, dass ich noch ein paar Wochen laenger in Johannesburg bleibe, um meinem Freund Rick bei der Motorueberholung seines Autos zu helfen. Doch Rick, der an diesem Wagen selber noch nie den Motor ausgebaut hat, ist sich sicher: „Ach was, das duerfte alles kein Problem werden, es handelt sich hier lediglich um einen einzigen grossen „Boere-Traktor (Bauern-Traktor), quasi eine XT 500, nur mit elf (!) weiteren Zylindern!“. Um die Sache beim Namen zu nennen: Es handelt sich um einen 79’er Ferrari 512 BB – Berlineta Boxer – mit 12 Zylindern, also ein „richtiger“!










Fakt ist, unser Zeitplan haut nicht hin. Erst an Tag drei ist der Klotz ausgebaut. Macht aber nix, denn ich hab ja Zeit. Interessant wird es, als ich mich daran mache, die Ersatzteile zu besorgen. Wie nicht anders zu erwarten, werde ich beim Ferrari-Haendler nicht ernst genommen. Ist klar, da kommt einer mit einer gammeligen Ténéré und nicht mit seinem Zweit-Maserati. Man sieht in mir halt nicht direkt die Zielgruppe. Jedenfalls erhalte ich eine Liste mit Ersatzteilpreisen, um vergleichen zu koennen, wieviel wir jeweils bei den anderen Herstellern sparen.








Hintergrund. Johannesburg ist eine Stadt, um die ich urspruenglich einen grossen Bogen machen wollte – aus Sicherheitsgruenden. Nicht ohne Grund zaehlt diese Stadt zu den gefaehrlichsten der Welt. Aber noch skrupellosere Kriminelle in anderen Laendern (Sao Paulo, Brasilien) haben „Jo-Burg“, wie der Suedafrikaner die Stadt nennt, in den letzten Jahren auf einen „sicheren“ dritten Platz der weltweiten Statistik verdraengt. Seltsamerweise habe ich dort am Ende die meiste Zeit verbracht. Und das aus verschiedenen guten Gruenden.


Geschichte. Jo-Burg hat man sich vor rund 140 Jahren ausgedacht, als dort ein paar ausgesprochen glueckliche Leute klumpenweise Gold fanden. Das fand damals ein ganzer Sack voller Menschen derart interessant, dass sie alle ihre Kumpels anriefen, die dort dann auch eine Huette bauten, um Abends in aller Ruhe ihr Edelmetall zu wiegen. So wurde aus den paar hundert ein paar tausend und die Stadt, dessen Namensgeber hoechstwarhscheinlich Johannes hiess, wurde zur groessten des Landes.


Erster Eindruck. Faehrt man durch die Auslaeufer der Stadt, faellt schon nach kurzer Zeit auf, das sich das Leben hier hinter Mauern abspielt. Hohe Mauern, Stacheldraht, elektrische Zaeune und das ganze meist in Kombination mit klaeffenden grossen Hunden. Man kann in einem noblen Vorort eigentlich nicht in Ruhe spazieren gehen, ohne von aggressiv bellenden Hunden hinter den Toren der Einfahrten akkustisch zerfleischt zu werden.


Sicherheit. Die ist in der Tat ein Problem fuer die Anwohner, weshalb es einige Dinge gibt, die man abweichend vom Leben in Deutschland einfach nicht macht. So geht man zum Beispiel im Dunkeln nicht spazieren, vermeidet Besuche des Zentrums, das Auto ist beim Fahren immer verschlossen und den Anweisungen des bewaffneten Ueberfall-Personals ist ohne Diskussion folge zu leisten, da sofort geschossen, aber nicht verhandelt wird. Da passt es natuerlich perfekt ins Bild, dass ich nach einem Bar-Besuch von „Jimmy“ zum Besuch seiner Waffenfabrik der Marke „X-Cal“ eingeladen werde.










Die Guten Zeiten hochleben lassen. Das kann man am besten in melancholischer Stimmung am Abend, wenn die Abendsonne den Himmel in den dollsten Farben erleuchtet. Um aber der besagten Stimmung ein wenig auf die Spruenge zu helfen, falls mal gerade nicht die Sonne nach Plan untergehen will oder es noch zu frueh oder im Ausnahmefall zu spaet ist, ja dann gibt es ja immer noch Alkohol. Da „Saufen“ Manies bester Freund ist, und seine gleichgesinnten Nachbarn ebenfalls an Melancholie in fluessiger Form interessiert sind, treffen sie sich jeden Abend auf Manies Terasse seines Bauwagens.



Doch zurueck nach Mosambik. Ich mache mich auf den Weg nach Sueden, um entlang der Kueste die Grenze nach Sued Afrika bei Kosi-Bay zu passieren. Das schoene ist, dass es auf den letzten hundert Kilometern angeblich keine Strassen gibt und reine Sandpisten auf mich warten. Der Haken allerdings ist, dass meine Reifen fast blank sind, aber ein paar Herausforderungen tun mir ja immer ganz gut. Zunaechst gilt es jedoch die Faehre zu finden, die einen ueber den riesigen Tembe-Fluss in der Hafeneinfahrt bringt. Gefunden ist die Faehre schnell, nur die Beladung dauert etwas. Versucht wird naemlich, das unmoegliche moeglich zu machen. Und wie es in Afrika so ueblich ist, gelingt es ihnen am Ende auch. Es stehen irgendwie mehr Autos und LKW auf dem Deck, als eigentlich draufpassen, jeder Quadratmeter wurde so genutzt, so dass an ein Rangieren nicht mehr zu denken ist. Als Europaaer lernt man mal wieder, dass mit gutem Willen allein logistische Meisterleistungen moeglich sind und dass ueberladene Schiffe trotzdem schwimmen.

Harter Boden erwartet mich an der Suedkueste. Das ist nicht nur praktisch fuer abgenutzte Reifen, sondern bringt mich auf flott voran. Da das Blau des indischen Ozeans so unverschaemt schoen leuchtet, nutze ich die Gelegenheit und geh noch mal eine Runde im warmen Wasser schwimmen, da es ab jetzt jeden Kilometer weiter suedlich spuerbar kaelter wird.











Klingt bisher ja gar nicht sooooo schlecht. Aber es handelt sich bisher ja auch nur um Tag eins mit der Gewissheit, dass mich mein befreundeter Rassist „Manie“ morgen wie vereinbart abholen will. Aber das macht er ja nicht, wie schon im Vorspann zu lesen war. Daher mache ich an Tag zwei nichts anderes, als meine sportlichen Aktivitaeten zu wiederholen und beende das mitgebrachte Buch. Konserven Eintopf am Abend runden die Sache ab. Sagen wir mal so, zumindest hab ich keinen Hunger mehr. Der dritte Tag beginnt und sieht aus wie die ersten beiden Tage, von Abwechslung kann man nicht wirklich sprechen. Irgendwie bin ich mir sicher, dass Manie heute kommt, was jedoch nicht rationalen Gruenden unterliegt, sondern scheinbar meiner Erwartungshaltung entspricht. Tag vier beginnt und ich beginne umzudenken. Warum soll ich mich aufregen ueber jemanden, der mich auf einer Insel absetzt und nicht zurueckkommt? Bringt natuerlich nichts und daher sollte ich die Zeit einfach geniessen.





Und das mache ich mit ausgepraegten Wanderungen. Stundenlang unbekanntes Gebiet erkunden, seltsame Pflanzen betrachten, die aussehen, als haette jemand eine musterverzierte gigantische Karotte im Ananas-Format in eine Bodenpalme gesteckt. Was auch immer das ist, ich werde es nicht essen. Ach ja, Begleitung habe ich auch gefunden. Oder anders herum. „Dog“ bleibt die ganze Zeit bei mir, ist von irgendwoher gekommen und macht einen auf anhaenglich. Guckt aber niedlich, bellt nicht und darf daher bleiben. Den Pool waesser ich auch noch gelegentlich, aber nicht mehr so richtig ernsthaft, da Manie ja nur von einem Abend gesprochen hat und weitere Anweisungen fehlen. Traditionell setzte ich mich am Abend auf die Duenen und geniesse den Sonnenuntergang. Was soll ich auch sonst machen, ausser die mosambikische Bierflaschen-Collection aus dem Regal in sentimentaler Stimmung zu leeren. Ausserdem bin ich Millionaer. Dumm ist nur, dass es hier keinen Shop gibt, wo ich die Kohle loswerden koennte. Nur der Typ mit dem Mr. Bean T-Shirt hat mir ein paar Tausend fuer die Fahere abgeknoepft. Eine Millionen Meticas habe ich in der Tasche, was vielleicht nicht wirklich viel ist, sich aber dennoch schoen anhoert. Wie lange ich das wohl noch geniessen kann?






