Mail 53

Normens Weltreise 53 – Jy praat kak!
Mail vom 09. Nov. 2005

icon.jpgWie konnte ich ahnen, dass ich in Maputo auf ein Rudel „wilder“ Sued Afrikaner treffen wuerde, die so richtig auf klassische Weise dem typischen „Boer“ entsprechen, Afrikaans als erste Sprache sprechen, stereotypisch so aussehen, Saufen wie die Wikinger und auch noch rassistische Zuege haben?

Willkommen zu Manies Grundkurs: Rassismus fuer Anfaenger!

Da ich ein Weisser bin, habe ich die Aufnahmepruefung bereits bestanden, doch bis zur bestandenen Pruefung ist es noch ein weiter Weg. Doch Manie ist sich sicher, dass ich innerhalb einer Woche „verstehen“ werde und bereit zur Pruefung bin. Los geht es mit den Grundlagen:

Der Schwarze an sich ist ein schlechter Mensch, wird daher abfaellig „Kaffer“ genannt, was man sich als die „Nigger“-Variante aus den USA vorstellen kann. Ein Wort, dass man niemals irgendwo im suedlichen Afrika aussprechen sollte, da es einen in erhebliche Schwierigkeiten bringen kann. Da sich Manie jedoch keiner Schuld bewusst ist, ruft er es staendig laut aus seinem grossen Hals heraus.

Frueher war alles besser. Jawohl, damals, als in Sued Afrika noch Apartheid herrschte, ja da ging alles noch geordnet und friedlich zu. Heute, wo die Schwarzen machen koennen was sie wollen, da ist Schluss mit lustig, guten Manieren und einfachem Reichtum. Die Kolonialisierung Mosambiks durch die Portugiesen hatte ausschliesslich positive Effekte – so versichert er mir – was man auf den Strassen eindeutig nachvollziehen kann: frueher war alles prunkvoll, jetzt ist alles kaputt, die Gebaeude vom Verfall bedroht und der Dreck tuermt sich meterhoch. Von Ausbeuterei seitens der Europaeer will er nichts hoeren, das sei alles Luege, die haetten nur Gutes gebracht.

Ja ja, erwidere ich, zu Kaiser Wilhelm’s Zeiten war bei uns auch alles besser: Die Steuern waren erschreckend niedrig, Staus waren unbekannt, es gab weder Arbeitslose noch Gewerkschaften, die CSU dachte noch nicht mal daran, sich selbst zu gruenden und Ideen zu Hartz IV hielt man fuer Science Fiction.

Der Kaffer ist schuld. „Er“ ist verantwortlich fuer schlechte Strassen, korrupte Politiker und steigende Preise auf dem Markt. Interessant ist, dass alle meine Hinweise, dass es in Deutschland keine schwarze Bevoelkerungsmehrheit haben (wir reden hier nicht von der CDU) und es dennoch schlechte Strassen, korrupte Politiker und steigende Preise auf dem Markt gibt, unkommentiert bleiben – trotz Weisser, die dort alles regeln.

In Europa sei das anders, hier in Afrika ist und bleibt der Kaffer schuld: Stau, aaaarrrrgggghhhh, da muessen die Kaffer mal wieder mist gebaut haben, wenn irre Autofahrer im Zickzack durch den Verkehr sausen, dann sind alle Kaffer verrueckt geworden, wie mir Manie versucht klar zu machen. Auch da versuch ich ihn mit Beispielen aus Deutschland zu beruhigen: Verrueckte auf Deutschlands Autobahnen? Reichlich, die fahren sogar S-Klasse und sind WEISS! Irre Ueberholmanoever in der City? Staendig, die nennt man bei uns Idioten, sind weit verbreitet und – Du wirst es nicht glauben – WEISS!

norm_11973_mail-53_4gross.jpg

norm_11973_mail-53_1.jpgnorm_11973_mail-53_3.jpg

norm_11973_mail-53_2hoch.jpgDie Guten Zeiten hochleben lassen. Das kann man am besten in melancholischer Stimmung am Abend, wenn die Abendsonne den Himmel in den dollsten Farben erleuchtet. Um aber der besagten Stimmung ein wenig auf die Spruenge zu helfen, falls mal gerade nicht die Sonne nach Plan untergehen will oder es noch zu frueh oder im Ausnahmefall zu spaet ist, ja dann gibt es ja immer noch Alkohol. Da „Saufen“ Manies bester Freund ist, und seine gleichgesinnten Nachbarn ebenfalls an Melancholie in fluessiger Form interessiert sind, treffen sie sich jeden Abend auf Manies Terasse seines Bauwagens.

„Normen, Klippie?“ lautet die gaengigste Frage meines Unterrichtes. Na ja, einen kann ich ja mal probieren und bekomme ein Glas mit einem Drittel „Klipdrift“ Brandy, zwei Dritteln Cola und eine handvoll Eis. Waehrend mir ein Glas des mir fies schmeckenden Gesoeffs reicht, bereitet sich Manie fuer den Abend vor: Eine Kuehltruhe voll Eis, einen Kasten Cola, zwei Flaschen Klipdrift – fuer ihn alleine. Jeden Tag! Das ist natuerlich gelogen. Am heiligen Sonntag fastet er und trinkt nur Cola, schliesslich genoss er eine katholische Erziehung. Und waehrend man die Klippies mit Coke ununterbrochen einschenkt, der Abend sich zur Nacht wandelt, faengt Manie an, den Elektro-Grill anzuschalten und legt Fleisch auf den Grill. Am liebsten „Boerewors“, seine lieblings grobgehakte Bauernwurst. Dazu macht er „Papp“, was in etwa so schmeckt wie es klingt. Interesannterweise ist Papp die suedafrikanische Fassung von „Ugali“, dem gekochten Maismehl, mit dem sich halb (Schwarz-) Afrika zu ernaehren scheint. [siehe Mail 28, Bild 2989].

Als Sosse gibt es braunen Zucker und Butter. Das muss reichen. Manchmal jedoch isst Manie gar nichts, obwohl er stundenlang vor dem Grill sass. Manchmal geniesst er nur die Flammen des Feuers, dass die gluehenden Elektrostaebe beim Verbrennen des austropfendes Fettes entzuenden. Manchmal verzichtet er dann auf eine Mahlzeit und konzentriert sich darauf, die zweite Flashe Klipdrift zu leeren, bevor er dann um ein Uhr nachts ins Bett geht.

Die Nachbarn trinken uebrings „nur“ eine Flasche pro Tag, andere teilen sich gar einen Liter. Ein Gemeinsamkeit haben sie aber: sie hoeren gerne CD’s von Eugene Terreblanche’s Reden, einem rechtsextremen Vorzeige-Rassisten, Apartheid Befuerworter und zielgruppengerechter Mini-Hitler. „Normen, you must listen carfully, it’s a good man!“, bekomme ich gesagt. Im selben Atemzug lerne ich, dass auch Hitler ein guter Mann war – diskutieren zwecklos!

Jy moenie kak praat nie! – „Red nicht so eine Scheisse“, bruellt Manie immer haeufiger. Je spaeter der Abend wird, desto mehr geifern sich die Anwesenden an. Amtssprache dieser Kolonie ist natuerlich Afrikaans, dass die Boeren (man spricht es wie „Buhren“ aus und bedeutet Bauer) im Laufe ihrer Besiedlungsgeschichte entwickelten und dabei das originale hollaendisch verstuemmelten. Manie, der seit 25 Jahren Klipdrift trinkt und theoretisch gar keine Leber mehr haben duerfte, kann man seinen Alkoholpegel nicht ansehen. Nur die Haeufigkeit, mit der er „Jy praat kak“ seinem Gegenueber zuruft, steigt proportional mit dem Promillegehalt.

Versprochen ist versprochen. „Manie“, der laut Ausweis Hermanus mit Vornamen heisst, hat mich mehr als nur einmal darauf hingewiesen, das ich etwas Bestimmtes auf keinen Fall vergessen darf: „You must tell your people that I’m a rassist!“ und er strahlt dabei, als bekomme er in Deutschland dafuer eine Auszeichnung. Und damit steht fest, dass ich niemanden zum Rassisten denunziert habe, nein, das macht Manie schon selber. Na, da bin ich ja fein aus dem Schneider!

Wir fassen zusammen: Als Schueler in Manies kleinem rassistischem Ausbildungslager habe ich in voller Linie versagt. Noch immer sind Manies schwarze Angestellte meine Freunde, Antonio, Manies schwarzer LKW-Fahrer, darf wie ueblich mit mir am selben Tisch essen, bis heute mag ich keinen Brandy mit Coke und eine Abneigung gegen bestimmte Menschen mit anderer Hautfarbe habe ich ebenfalls nicht entwickelt. Man kann sagen, dass ich das Klassenziel nicht erreicht habe. Versetzt werde ich nach Sued Afrika, dass laut Manie „kak“ ist (shit), da Schwarze dort Rechte haetten. Das ist in der Tat kaum auszuhalten und vermutlich der Grund, weshalb sich diese Zielgruppe nach Mosambik abgesetzt hat…

Als ich spaeter Freunden in Johannesburg von meinen Erlebnissen mit Manie berichte, erklaert mir Rick: „Wow, Du hast regelrecht im Herzen der Klipdrift-Society gelebt! Es handelt sich bei diesen speziellen Boeren um einen recht interessanten „Stamm“ – sehr unterhaltsam! Betrachte Deinen Aufenthalt bei den „weissen Kaffern“ als Teil deiner afrikanischen Bildung!“.

norm_11974_mail-53_1.jpgnorm_11974_mail-53_2.jpg

norm_11974_mail-53_3.jpgnorm_11974_mail-53_4.jpg

norm_11975_mail-53_2hoch.jpgDoch zurueck nach Mosambik. Ich mache mich auf den Weg nach Sueden, um entlang der Kueste die Grenze nach Sued Afrika bei Kosi-Bay zu passieren. Das schoene ist, dass es auf den letzten hundert Kilometern angeblich keine Strassen gibt und reine Sandpisten auf mich warten. Der Haken allerdings ist, dass meine Reifen fast blank sind, aber ein paar Herausforderungen tun mir ja immer ganz gut. Zunaechst gilt es jedoch die Faehre zu finden, die einen ueber den riesigen Tembe-Fluss in der Hafeneinfahrt bringt. Gefunden ist die Faehre schnell, nur die Beladung dauert etwas. Versucht wird naemlich, das unmoegliche moeglich zu machen. Und wie es in Afrika so ueblich ist, gelingt es ihnen am Ende auch. Es stehen irgendwie mehr Autos und LKW auf dem Deck, als eigentlich draufpassen, jeder Quadratmeter wurde so genutzt, so dass an ein Rangieren nicht mehr zu denken ist. Als Europaaer lernt man mal wieder, dass mit gutem Willen allein logistische Meisterleistungen moeglich sind und dass ueberladene Schiffe trotzdem schwimmen.

norm_11975_mail-53_1.jpgnorm_11975_mail-53_3.jpg

norm_11975_mail-53_4.jpgHarter Boden erwartet mich an der Suedkueste. Das ist nicht nur praktisch fuer abgenutzte Reifen, sondern bringt mich auf flott voran. Da das Blau des indischen Ozeans so unverschaemt schoen leuchtet, nutze ich die Gelegenheit und geh noch mal eine Runde im warmen Wasser schwimmen, da es ab jetzt jeden Kilometer weiter suedlich spuerbar kaelter wird.

norm_11976_mail-53_1.jpgnorm_11976_mail-53_2.jpg

norm_11976_mail-53_3.jpgnorm_11976_mail-53_4.jpg

Klassisch afrikanisch sieht die Gegend aus und steiniger Boden, rote Erde, harter Sand sowie weicher Sand wechseln sich nach und nach ab. Faszinierenderweise nimmt die Schoenheit der Landschaft je weiter suedlich ich komme zu und im gleichen Verhaeltnis waechst der Schwierigkeitsgrad, die vollbeladene Ténéré im immer weicheren Sand auf Kurs zu halten. Per GPS steuere ich die Grenze zu Sued Afrika an, da ich mir bei den zahlreichen sandigen Wegen nicht mehr sicher bin, ob ich noch auf dem richtigen Kurs bin. „Noch 500 Meter bis zum Ziel“ – steht im Display des GPS zu lesen. Ich bezweifel die Aussage, da noch immer keine Schilder oder gar eine Strasse zu sehen sind. Stattdessen habe ich mit tiefen Spurrillen im weichen Sand auf extrem engen Wegen zu kaempfen.

norm_11977_mail-53_1.jpgnorm_11977_mail-53_2.jpg

norm_11977_mail-53_3.jpgnorm_11977_mail-53_4.jpg

Noch 100 Meter, man kann durch die Baume und Straeucher nichts erkennen. Noch 50 Meter, jawohl, da ist was. Der Sand wird noch weicher, die XTZ kaempft sich mit durchdrehendem Hinterrad, hoher Drehzahl und Zuhilfenahme meiner Beinkraft bis auf fuenf Meter vor die Grenzhuette. Erst dort rolle ich auf Pflastersteinen zum Zoll. Auf suedafrikanischer Seite beginnt dagegen eine langweilige topfebene Teerstrasse. Wie langweilig aber praktisch, denke ich mir, doch lang waehrt meine Freude nicht, da mir der Zoellner kein neues Visum gibt. Mein altes sei noch vier Tage in Suedafrika gueltig, da koenne er nichts machen. Natuerlich koennte er, aber er will nicht! 110 Euro kostet eine Verlaengerung eines bestehenden Visums, sollte man sich im Land befinden.

Daher entschliesse ich mich nach ein paar Tagen wieder auszureisen: nochmal nach Swaziland, da es das naechstgelegene Nachbarland ist. Dort verbringe ich den letzten Tag meines Sued Afrika-Visums und mach mich mit abgelaufenden Visum am naechsten Morgen zur Grenzstation auf: Der Zoellner kontrolliert meinen Pass und sagt: „Hey, Ihr Visum ist abgelaufen, Moment mal, hier haben Sie ein neues!“ und klebt mir gratis einen weiteren kleinen blauen Aufkleber in den Reisepass. So einfach kann das gehen.

Darauf geh ich jetzt einen Klippie trinken,

Normen

zurück zur Übersicht

Kommentar abgeben: